Stinknormales Medium: Onlinejournalismus in Österreich

18. Februar 2005, 13:54
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Allzu knapp sind zumindest bisher die Budgets der Werbewirtschaft für das Internet, daher arbeiten Onlinejournalistinnen und -journalisten doch nicht rund um die Uhr ...

Eine Collage von Harald Fidler.

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In nur zehn Jahren hat das Internet die Printmedien in der Gunst der Deutschen klar überflügelt. Drei Viertel der werberelevanten Zielgruppe der 14 bis 49 Jahre alten Menschen surfen inzwischen im Netz. Im Durchschnitt nutzt jeder Deutsche das Internet jeden Tag 49 Minuten, liest 22 Minuten Zeitung, sieht 156 Minuten fern und hört 160 Minuten Radio. Obwohl das Internet nach wie vor rasant zulegt, bleibt die Nutzung der traditionellen Medien weit gehend konstant. Zum Beispiel lesen Internetnutzer genauso lange Zeitung wie die Nichtnutzer, hat die achte Timebudget-Studie von Sevenone Media und Forsa ergeben.

Das ist Onlinejournalismus

Was Sie gerade gelesen haben, ist keineswegs der Beginn meines bescheidenen Beitrags über Onlinejournalismus und Onlinemedien in Österreich. Das ist Onlinejournalismus, wie er stets beschrieben wird. Copy and Paste, Text kopiert und eingefügt. Nur getarnt als gedruckter Journalismus. Die Facts stammen im Wesentlichen aus der Timebudget- Studie, erhoben von den Berliner Marktforschern Forsa und regelmäßig via Presseaussendung publiziert von Sevenone, die Sender wie Pro Sieben und Sat.1 vermarktet. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hat diese Infos am 24. November 2003 erstverwertet. Auch so eine Art Copy/Paste. Ich habe mir erlaubt, ihren an Sevenone angelehnten Text gleich wortwörtlich in diesen Beitrag einzufügen. Zur Ehrenrettung der "FAZ": Sie hat immerhin mit dem Forschungsleiter telefoniert.

Mittlerweile wird das Web im Durchschnitt 58 Minuten pro Tag genutzt. 1999 waren es noch neun Minuten. Der rasante Aufstieg des Internets hat aber nicht zu einer Verdrängung der klassischen Medien geführt: Die Zeit, die die Deutschen im Internet surfen, ist zusätzliche Mediennutzung, die nicht zulasten von TV, Print und Radio geht. Die klassischen Medien haben also nicht an Bedeutung verloren. Für diese Erkenntnisse aus der jüngsten Timebudget-Studie von Ende 2004 habe ich nicht auf die "FAZ" gewartet, sondern sie gleich aus der Presseinfo kopiert. Klassischer Onlinejournalismus also, nur gedruckt. Fehlen noch ein paar möglichst glaubwürdige Quellen für den Heimatbezug. Die Österreicher trennt von den Deutschen zwar die gemeinsame Sprache, das Internet aber dürften sie durchaus vergleichbar nutzen. Laut ORF und GfK verwenden 56 Prozent unserer Landsleute dieses Medium und 55 Prozent unserer deutschen Nachbarn. Das bedeutet die Ränge acht und neun im Europavergleich. Ganz vorne liegen die Isländer: 82 Prozent bewegen sich dort im Netz. Schweden, Dänemark, Finnland, Norwegen, die Schweiz und die Niederlande folgen mit 66 bis 75 Prozent. Zu finden unter mediaresearch.orf.at.

Mehr und mehr Österreicher nutzen das Internet "(fast) täglich bzw. mehrmals die Woche": Laut Austrian Internet Monitor von Integral sind das schon mehr als drei Millionen, also 47 Prozent der Menschen ab 14. Auch im Netz zu entdecken. Intensive Nutzung heißt noch nicht zwingend intensive Nutzung von Onlinemedien: Mit fast 80 Prozent sind private Mails - und mit 53 Prozent berufliche - noch wichtigste Betätigung im Netz. Aber: Mehr als 40 Prozent der User haben dort im Vormonat die Seite einer aktuellen Zeitung oder Zeitschrift aufgerufen.

Wenn Sie das lesen, sind es bestimmt schon wieder mehr. Warum nur schenkt sich ein Echtzeitmedium wie derStandard.at zum zehnten Geburtstag etwas so altmodisch Langsames wie ein Buch, das Wochen, ja Monate zwischen Textschluss und Erscheinen braucht? Wo wir schon beim Feiern sind: Die Onlineschwester des STANDARD hält im Internet locker mit Kalibern wie der "Krone" mit, auf Papier bekanntlich Österreichs größtes anzunehmendes Kleinformat. Oder mit der Networld der vereinigten News-Magazine. Hängt sie nach Userzahlen, so genannten Unique Clients, gar immer mal wieder ab. Nur der große ORF ist auch hier weit vorne.

Man kann natürlich auch Seitenaufrufe zählen. Dann verliert der ORF seinen Spitzenplatz unter den Angeboten mit überwiegend redaktionellem Inhalt an die vereinigten News-Titel und krone.at.

Jedes Pic ein Klick

Onlinemedium bedeutet nicht zwingend Onlinejournalismus. Vor allem, wenn es um die Klicks manch großer österreichischer Onlineplattform geht. Schwer lässt sich zum Beispiel eine "Gameworld" der News-Plattform in die Rubrik Onlinejournalismus einordnen. Mit nackter Haut geizt die Networld nicht. Unendlich viel Platz bietet das Internet auch, damit sich nur eine halbnackte Schönheit pro Tag auf Seite sieben der "Kronen Zeitung" zu aberhunderten Erotic Pics auf "krone.at" auswächst. Jedes Pic ein Klick.

Motto "sex sells"

Gelinde gesagt in die Hose gegangen ist die Homepage der reichweitenstärksten Tageszeitung Österreichs. Die "Krone" setzt im Internet auf das Motto "sex sells" und bietet neben den neuesten Nacktfotos von Stars und Sternchen essenzielle Dinge wie beispielsweise den "Busentest - welcher ist echt, welcher nicht?". Schon wieder ein Absatz Copy/Paste, diesmal aus einem Internetbeitrag von einem gewissen Christoph Luke über Onlinejournalismus in Österreich. Danke dafür.

Was die Aktualität rund um die Uhr begrenzt

Onlinejournalismus leidet unter ständigem Zeitdruck, ohne Redaktionsschluss oder Beginnzeiten von Sendungen, rund um die Uhr. Was die Aktualität rund um die Uhr begrenzt, heißt Geld. Allzu knapp sind zumindest bisher die Budgets der Werbewirtschaft für das Internet, daher arbeiten Onlinejournalistinnen und -journalisten doch nicht rund um die Uhr. Und mit dem Geld fehlt ihnen auch die Zeit für Recherche.

"Mehr Online als Journalismus", seufzt Fabian Mohr unter www.onlinejournalismus.de, als sich 2004 der Einstieg erster deutscher Sender und Verlage ins Netz zum zehnten Mal jährt. "Zehn Jahre Copy and Paste", titelt Mohr und fragt: "Ist es bereits Journalismus, die Meldung einer Nachrichtenagentur in ein Content Management System zu kopieren?" Nein, schreibt Mohr. Und irrt. Wenn der Onlineredakteur nicht sämtliche der täglich hunderten Agenturmeldungen einfach kopiert, wählt er Nachrichten für seine Leser aus, und das ist eine zutiefst journalistische Tätigkeit. Ebenso, eine eigene Headline zu texten, einen eigenen Vorspann zu schreiben.

PR-Texte unredigiert in den eigenen Onlinedienst zu stellen lässt hingegen journalistische Grundkriterien vermissen. Das gilt übrigens auch für gedruckte Medien. Nach Mohr gehört "mal mehr, mal weniger glaubwürdige Internetquellen zu einem eigenen Beitrag zusammenzukopiere" auch nicht unbedingt ins Lehrbuch des Journalismus.

Aus Weblogs und anderen Onlinequellen Artikel speisen? Wie bei anderen macht es die journalistische Arbeit aus, die Qualität dieser Quellen und ihrer Informationen zu beurteilen. Auch in Büchern, in Zeitschriften oder Zeitungen steht Unsinn, und wie viel davon liefern Radio und Fernsehen ins Haus?

Unmittelbare Reaktion

Selten sind Nachrichten, Statements, Kommentare so unmittelbarer Reaktion ausgesetzt. Von Usern, die ihrem Unmut Luft machen wollen, diskutieren, herumblödeln - oder echte Expertise beisteuern. Fast ein ausgelagerter Recheck von Informationen - sofern das Onlinemedium tatsächlich wahrgenommen wird. Fast. Journalistische Verantwortung lässt sich nicht outsourcen. Auch wenn sich Onlinedienste dann vielleicht endlich wirklich rechneten.

Seit die Börsenblase um die New Economy platzte, ist das nötiger denn je, aber keineswegs leichter. Nutzungsdauer, Page-Impressions, Unique User, Wochen- und Monatsreichweiten: Die Werbewirtschaft braucht Messgrößen für Onlinemedien, die sich mit Zeitung, Radio, Fernsehen vergleichen lassen. Die Branche arbeitet intensiv daran.

Knappe Ressourcen

Die Ressourcen sind hier besonders knapp, eigenständigen Onlinejournalismus aus Werbung zu finanzieren. In vielen anderen Punkten sind Internetdienste längst stinknormale Medien, nur mit feineren technischen Möglichkeiten. Auch in Zeitungen, im Radio, im Fernsehen finden sich Agenturmeldungen. Auch in anderen Medien verwischen Grenzen zwischen PR und Journalismus, unselig ist das hier wie dort.

Ein stinknormales Medium? Unterhaltung wird im Internet mit Aufmerksamkeit belohnt wie im Privatfernsehen oder in Massenblättern. Aber auch Journalismus wird hier wie dort belohnt, auf den sich der User verlassen kann. Marken, denen man vertraut, gibt es im Netz wie in der Welt der etwas älteren Medien.

Manchmal verkehren sich gar die Verhältnisse zwischen seriösen Zeitungen und schnellem, ungeprüftem, angeblich unseriösem Internet ins Gegenteil. Keine amerikanische Fernsehstation, kein Onlinemedium traut sich noch am frühen Nachmittag des 3. November 2004, Bush zum Sieger auszurufen - wirklich niemand? Nein, eine österreichische Tageszeitung verteilte schon frühmorgens ihre Sonderausgaben in der Wiener U-Bahn: "Four More Years!" heißt es hier auf dem Cover: "George Bush wurde als Präsident wieder gewählt." Ihre Onlineschwester diepresse.com indes gibt sich jedoch vorsichtiger: Um 8:36 Uhr fragt man "Four More Years?", und um 9:06 heißt es "Streit um Stimmen: Ohio könnte zum Florida 2004 werden".

Der letzte Absatz stammt übrigens größtenteils aus derStandard.at/Etat. Kann ich nur empfehlen. Schon praktisch, Copy and Paste.

PS: Im Vorstand von derStandard.at vermisst man jetzt noch einen kleinen Absatz zum Thema "Werbewirtschaft und das Verhältnis zu Online". Soll wohl heißen (siehe oben), dass Agentur- und Marketingmenschen dem Medium noch ein bisschen reserviert gegenüberstehen. Das kann ich nun gar nicht bestätigen. Nach den Zugriffszahlen auf derStandard.at/Etat und dem meist blitzschnellen Feedback aus der Branche zu schließen, ist das Verhältnis sogar eine täglich aufs Neue spannende Dauerbeziehung. Kann sich also nur noch um Stunden handeln, bis die Werbebranche von ihrem offenbar recht innigen Nutzungsverhalten auf den Rest der Welt schließt. Und das zu Recht.

"Was DER STANDARD auf dem Gebiet des Internet gemacht hat, war eine echte Innovation und hat echte Qualität."
Christoph Kotanko, Chefredakteur Kurier

"derStandard.at kann sich international sehen lassen, was seine Innovationsfähigkeit betrifft."
Horst Pirker, Vorstandschef Styria

Der Standard gibt einem das Gefühl, selbst die Zeitung mitzugestalten. Habe noch vormittags gepostet, dass das ursprüngliche 'Willie' nicht stimmt und dabei auch einen, immer noch falschen, Vorschlag (Wheely) gemacht. Das kommt in den Artikel rein und gleich gibt es eine Abstimmung, weil sicher wer anderer die wirklich richtige Variante gepostet hat. Wie eben der Slogan eines Sportsender: Mittendrin statt nur dabei. Das ist mit ein Grund, warum derStandard.at die beliebteste Onlinezeitung in Österreich ist.
Marcel Kolbe

Als Deutscher kann ich Ihre hohe Meinung von den "deutschen Blättern" nicht teilen. Die renommierte Presse bei uns (außer vielleicht "Spiegel") übertrifft sich seit Wochen in Fehleinschätzungen der globalen Entwicklung. Der "normale Bürger" scheint alles besser zu begreifen als die Herren in den Politik-Redaktionen. Ich habe seit längerem zum "Standard" Zuflucht genommen und finde, daß dort von der Informationsvielfalt und Analyseschärfe her in der Regel auch "Spiegel-online" deutlich übertroffen wird. Ich wäre froh, wenn es bei uns so ein Blatt gäbe!
Matthias Heyne

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