Die Angst vor neuen Influenza-Viren

1. Februar 2005, 14:18
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Hoch pathogene H5N1-Vogelgrippe-Erreger könnten der Ausgangspunkt sein

Wien - Sie kommt bestimmt, man weiß nur nicht wann: eine neue Influenza-Pandemie. 1918/1919 kostete die "Spanische Grippe" weltweit rund 40 Millionen Menschen das Leben. 1957 war es die "Asiatische" oder "Singapur Grippe", 1968 die "Hongkong Grippe". Sie forderten jeweils Millionen Menschenleben. Die derzeit in Südostasien in Geflügelbeständen grassierende H5N1-Vogelgrippe könnte ein Ausgangspunkt sein, befürchten Experten.

"Eine Influenza-Pandemie entsteht, wenn bei Mehrfach-Infektionen von Menschen durch Influenza A ein Austausch von Genen in den Viren erfolgt. Besonders dramatisch ist das im Fall des Einbaus eines neuen Oberflächen-Antigens (Hämagglutinin, Anm.) aus einem tierischen Influenza-Stamm in ein Virus, das sich bereits an den Menschen angepasst hat", sagte der für die Influenza-Impfstoffe bei Baxter in Wien zuständige Virologe Dr. Otfried Kistner gegenüber der APA.

In diesem Fall wäre kein Mensch weltweit immunologisch gegen die Viren geschützt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat ein Netzwerk aus 110 Zentren in 82 Ländern aufgebaut, um die virologische Situation zu überwachen und das Neuauftauchen von Erregern möglichst schnell zu entdecken.

Derzeit wird davon ausgegangen, dass vor allem Südostasien der Ursprung einer Influenza-Pandemie sein wird. Am wahrscheinlichsten dürfte das Überspringen von Vogelviren sein.

Kistner: "Normale 'Influenza-Menschenviren', die jedes Jahr grassieren, infizieren viele Menschen. Von einem potenziell tödlichen Vogelvirus werden zunächst nur wenige Personen angesteckt. Im Menschen kann es aber zu dem Genaustausch kommen, wodurch ein tödliches Zwittervirus entstehen kann." Als Zwischenwirt kommt auch das Schwein in Betracht, weil es sowohl durch Vogel-Influenza als auch durch humane Influenzaviren infiziert werden kann.

Trendwende 1997

Was die Fachleute weltweit beunruhigt, ist die Entwicklung rund um die Influenza-Erreger seit 1997. Dr. Otfried Kistner (Baxter): "Im Mai 1997 tauchte in Hongkong ein hoch pathogenes (stark krank machendes, Anm.) Vogel-Influenza-Virus. Solche HPAI-Viren wurden seit Mitte Dezember 2003 in acht asiatischen Ländern (China, Südkorea, Thailand, Vietnam, Kambodscha, Laos, Indonesien und Japan, Anm.) bei Ausbrüchen registriert." Zuvor waren ab 1959 nur vereinzelt Fälle registriert worden.

Im Jahr 2003 und 2004 stellte sich jedenfalls heraus, dass H5N1 auch für Menschen ausgesprochen gefährlich werden kann. Zwischen Mai und Dezember 1997 gab es in Hongkong 18 Erkrankungen bei Menschen. Kistner: "Trotz optimaler medizinischer Betreuung mit Intensivstation und künstlicher Beatmung starben sechs Erkrankte."

Mortalitätsrate von über 30 Prozent

Die Mortalitätsrate von Hongkong von 33 Prozent wurde in Vietnam mit 29 Todesfällen von 37 Erkrankungen (2003/2004) und somit 78 Prozent übertroffen. In Thailand starben von 17 Patienten zwölf (71 Prozent).

Zu den Gründen für diese hohe Sterblichkeit beim Menschen gibt es nur Hypothesen. Der Virologe: "Die gute Nachricht ist, dass H5N1-Vogelinfluenza-Viren offenbar nur relativ wenige Menschen infizieren können. Doch auf der anderen Seite besitzen diese Viren offenbar die Fähigkeit, Zellen verschiedenster Gewebetypen zu infizieren." Der "Befall" verschiedenster Organe könnte ein Grund für die Schwere dieser Erkrankungen sein. Wenn sich diese Viren auch noch besser an den Menschen anpassen, dann könnte weltweit buchstäblich "Feuer am Dach" sein. (APA)

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