"Revolutionäre Energie ist verschüttet"

4. Juli 2005, 11:26
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Warum er als Hausbesetzer in einer Hippiefamilie gelebt hat, wieso sich das Establishment verkleidet und wie man aufbegehrt, haben Flora Eder und Hannah Berger von Regisseur Hans Weingartner erfahren

STANDARD: In "Die fetten Jahre sind vorbei" kämpfen drei Jugendliche gegen das Establishment. Was ist das Besondere an Jugendbewegungen?

Weingartner: Man fühlt sich nicht mehr allein. Gemeinsam bist du stärker. Es ist wie mit den Fingern einer Hand: einzeln schwach, zusammen eine Faust. Man trägt die gleiche Kleidung, hört dieselbe Musik, setzt sich für dieselben Dinge ein. So entsteht das Gefühl: Lass uns die Welt verändern.

STANDARD: Sie waren selbst Hausbesetzer in Berlin. Wie haben Sie die Zeit erlebt?

Weingartner: Es war eine wunderschöne Zeit, es herrschten anarchische Zustände. Unser Haus gehörte uns, die Bullen durften nicht rein. Wir waren eine große Hippiefamilie.

STANDARD: Was wollten Sie mit der Besetzung ausdrücken?

Weingartner: Es war die Manifestation einer alternativen Lebensform abseits der bürgerlichen Gesellschaft. Keine Miete zu zahlen macht frei.

STANDARD: Wie ging es aus?

Weingartner: Der Staat hat nicht toleriert, dass sich Leute außerhalb seines Apparates aufhalten, die keine Steuern zahlen. Also wurden wir mit einem Riesenpolizeiaufgebot gewaltsam rausgeschmissen.

STANDARD: Ist Jugendkultur heute noch Revolution?

Weingartner: Zu wenig. Die revolutionäre Energie ist vorhanden, aber verschüttet. Das Establishment hat sich verkleidet. Früher war es einfacher, da saß es noch im Wohnzimmer und schrie: "Schneid dir endlich die Haare!"

STANDARD: Hat die Gesellschaft Bedarf an einer Revolution?

Weingartner: Ich denke ja. Der unkontrollierte Kapitalismus zerstört den Planeten und die Seelen der Menschen. Wir müssen ihn aufhalten.

STANDARD: Wie können Jugendliche heute rebellieren?

Weingartner: Sie können in Villen Reicher Botschaften hinterlassen wie "Die fetten Jahre sind vorbei". Sie können Fernsehstationen lahm legen, um die Gehirnwäsche zu unterbrechen. Sie können demonstrieren oder ihre Lehrer zwingen, antikapitalistischen Unterricht zu machen.

STANDARD: Inwieweit können Sie als Künstler die Gesellschaft bewegen?

Weingartner: Ich kann sie nicht real verändern, aber ihr Bewusstsein anreichern und neue Wege aufzeigen. Jeder Künstler sollte das versuchen.

STANDARD: Sie sagten einmal, "der Mensch, der nie rebelliert hat, wird nie erwachsen". Fühlen Sie sich erwachsen?

Weingartner: Als Filmemacher muss man das Kind in sich am Leben erhalten und kultivieren. Aber im täglichen Leben fühle ich mich erwachsen. (DER STANDARD-Printausgabe, 1.2.2005)

ZUR PERSON: Weingartner, geb. 1970 in Feld- kirch, studierte Neurowissen- schaften in Wien und Berlin "Die fetten Jahre sind vorbei" ist sein zweiter Film.
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