Deutscher Krankenpfleger hat offenbar 29 Patienten getötet

2. Februar 2005, 08:57
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Größte Tötungsserie im Nachkriegsdeutschland

Die größte deutsche Tötungsserie der Nachkriegszeit mit 29 Opfern ist in Sonthofen ans Licht gekommen: Ein 26-jähriger Krankenpfleger, der bereits gestanden hatte, 16 Patienten mit Giftspritzen getötet zu haben, hat laut Ermittlern weitere 13 Menschen umgebracht. Dies habe die Obduktion exhumierter Leichen ergeben, erklärte der Leiter der Kemptener Staatsanwaltschaft, Herbert Pollert, am Dienstag. In sechs Fällen wird dem Pfleger Mord vorgeworfen. Seine Opfer, 17 Frauen und zwölf Männer, waren laut Pollert zwischen 40 und 94 Jahre alt.

Der Großteil der zwischen Februar 2003 und Juli 2004 getöteten Patienten war älter als 75 Jahre, wie der Chef der Kemptener Kriminalpolizei, Albert Müller, sagte. Bei den jüngeren Opfern habe es sich um zwei schwer kranke Frauen im Alter von 40 und 47 Jahren gehandelt. Der Krankenpfleger hatte nach seiner Festnahme im Juli 2004 als Tatmotiv Mitleid genannt: Er habe den Patienten sinnloses Leiden ersparen wollen.

"Erweiterte Vorwürfe"

Allerdings waren laut Obduktionsbericht sechs Opfer nicht so schwer krank wie angegeben. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Pfleger deshalb Mord aus Heimtücke vor. Dies werde auch in weiteren Fällen überprüft, sagte Pollert. Dass der Mann mehr als 29 Patienten mit Medikamenten-Cocktails getötet hat, schloss der Leitende Oberstaatsanwalt aus.

In der Mehrzahl der Fälle wird dem Pfleger Totschlag zur Last gelegt, außerdem eine Tötung auf Verlangen und ein versuchter Totschlag. Zu den erweiterten Vorwürfen äußerte sich der vormals geständige 26-Jährige bisher nicht. Dem Mann wurde ein neuer Haftbefehl eröffnet. Ein psychiatrisches Gutachten soll laut Kripo-Chef Müller klären, ob wirklich ein "Mitleidsmotiv" vorliegt.

83 Todesfälle werden untersucht

Die Ermittler untersuchen insgesamt 83 Todesfälle, die sich während der Arbeitszeit des Pflegers ereignet hatten. Er hatte am 6. Januar 2003 in der Klinik Sonthofen als Pfleger angefangen, knapp vier Wochen später begann er laut Ermittlungen mit der Tötungsserie. Er verabreichte den Patienten tödliche Spritzen mit Beruhigungs- und Narkosemitteln und Substanzen, die die Muskeln erschlaffen lassen und die Atmung lähmen. Der Cocktail wirkte innerhalb von fünf Minuten tödlich, wie Müller sagte.

Die Medikamente konnten teilweise in den exhumierten Körpern der Getöteten nachgewiesen werden. Insgesamt wurden 42 Leichen wieder ausgegraben und rechtsmedizinisch untersucht. Bei 38 der 83 Patienten, die während der Dienstzeit des Pflegers verstorben waren, war keine Obduktion mehr möglich, weil sie verbrannt worden waren. In drei Fällen waren zum Todeszeitpunkt der Patienten Verwandte anwesend, so dass der Pfleger laut Müller keine Gelegenheit zu einer Tötung gehabt habe. Die Ermittler schlossen zudem aus, dass der 26-Jährige während seiner Ausbildung in Ludwigsburg oder während seiner dreimonatigen Tätigkeit in Kempten ähnliche Taten begangen haben könnte; dort habe er immer unter Aufsicht gearbeitet.

Medikamente verschwunden

Die Polizei war dem Krankenpfleger auf die Spur gekommen, weil aus einem Arzneischrank des Krankenhauses Sonthofen über längere Zeit Medikamente verschwanden. Der 26-Jährige wurde nach der Überprüfung von Dienstzeiten und Sterbefällen verdächtigt. In seiner Wohnung wurden angebrochene Ampullen sicher gestellt, die für die Tötung mehrerer weiterer Menschen ausgereicht hätten. Wann Anklage erhoben wird, ist laut Oberstaatsanwalt Pollert noch offen. (APA/AP)

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