Kulturbeisl Tüwi

6. April 2005, 21:55
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Was bleibt vom autonomen Wien? Der gewollte Verlust

Eine Reihe von ortsgebundenen Initiativen war in den letzten Jahren dafür bekannt, einfach und kostenlos ihre Räumlichkeiten weiteren NutzerInnen zur Verfügung zu stellen. Vage Affinitäten genügten, um diese zentrale Ressource mit anderen zu teilen. Die Anzahl der gebotenen Möglichkeiten wird zunehmend reduziert: die Vorstellung dessen, was in den nächsten Monaten fehlen wird, beginnt mit dem selbstverwalteten Kulturbeisl Tüwi.

Wahrnehmung von Tüwi

Da sich Gerüchte zur Gewissheit verdichteten und entsprechend der Wahrnehmung von Tüwi-BetreiberInnen die Gesprächsbereitschaft des Rektors in engen Grenzen haftet, fand am Donnerstag letzter Woche ein Aktionstag an der Universität für Bodenkultur statt. Das Haus Peter Jordan Straße 76, worin das Tüwi seit über zehn Jahren seine Aktivitäten entfaltet, wird generalsaniert. Mit dieser Maßnahme zeigt sich das Vereinskollektiv durchaus einverstanden, lediglich die Frage einer Übergangslösung und der garantierte Wiedereinzug sind umstritten. Das Kollektiv befürchten, dass ähnlich wie vor der Gründung des Vereins, 1994, eine kommerziell geführte Variante des Barbetriebs von universitären Verwaltungsgremien favorisiert wird.

Kollektives Engagement

Der Repräsentant und Entscheidungsträger über universitäre Flächen, Rektor Huber Dürrstein, könne wenig Begeisterung für das kollektive Engagement im Tüwi aufbringen. Zwei VertreterInnen überreichten ihm daher am Donnerstag den Gutschein für ein Biofrühstück im Jahr 2008. Auch dann soll er sich noch von der Palette an fair gehandelten und biologisch produzierten Produkten überzeugen können, oder auch jene Bildungsangebote in Anspruch nehmen, die der universitäre Lehrplan vernachlässigt. Dazu zählen vor allem Fragen solidarischer Kooperation, entwicklungspolitische und antirassistische Schwerpunkte und die Integration behinderter Personen.

Bis zum Beginn der Renovierungsarbeiten wird jene Variation an Tätigkeiten fortgesetzt, die von Schafschur und Imkereikursen über Film-, Theater- und Konzertveranstaltungen bis zu Kindercafé und Gratisküche reicht. Einige Ansätze können auch auf Radio Rhabarber verfolgt werden, das ökopolitische Komplott, das in zweiwöchigem Abstand auf Orange 94,0 hörbar wird.

Selbstverwalteter Betrieb motiviert

Universität und Tüwi befinden sich im gutbürgerlichen Döbling, inmitten von Villen und Vorgärten und an der kultur-kulinarischen Peripherie. Die Erfolgsgeschichte des selbstverwalteten Betriebes motiviert andernorts etwa die Leitung der Universität Klagenfurt oder Studierende an der Universität Wien zu Versuchen der Imitation. Neben erfolgsorientiertem Studium funktioniert nicht-kommerzielles Engagement und brachte zum 10-Jahres-Fest fünftausend BesucherInnen zu einem Festival in den angrenzenden Türkenschanzpark. Die Möglichkeiten für ein verwaltungspolitisches Einlenken bestehen allerdings noch bis Ende des Sommersemesters, dann könnte ein brauchbares Ausweichquartier zur Verfügung gestellt werden oder die Delogierung des "Verein(s) für Interaktion, Integration & Kommunikation" erfolgen. (red)

  • Rektor Huber Dürrstein (li) bekam einen Gutschein für ein Biofrühstück im Jahr 2008 überreicht
    foto: tüwi kollektiv

    Rektor Huber Dürrstein (li) bekam einen Gutschein für ein Biofrühstück im Jahr 2008 überreicht

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