Krimilegende wurde wahr

6. Februar 2005, 22:24
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"Urban Legends" sind Geschichten, die jeder kennt, aber niemand belegen kann. Die vom geklauten Rad, das mit Theatertickets "zurückkommt", wurde in Wien wahr ...

Wien - Die Geschichte, meint STANDARD-Leser Martin B., sei ihm bekannt vorgekommen. In der Kronen Zeitung vom vorletzten Sonntag erzählte da im Chronikteil nämlich ein nicht näher genannter "Ermittler" ohne nähere Angaben zu Tatzeit oder Tatort: Einem Ottakringer sei das Fahrrad gestohlen worden. Wenige Tage später sei es wieder vor der Tür gestanden - und zwar mit zwei Theaterkarten und einem Zettel am Lenker: Ein Anonymus entschuldigte sich. Er habe das Rad ganz dringend gebraucht - und wolle sich nun so bedanken.

Der Radbesitzer, zitiert die Zeitung den Ermittler, "dachte sich, es gibt doch noch ehrliche Menschen", ging ins Theater - und fand beim Zurückkommen eine ausgeräumte Wohnung vor. Von den Einbrechern, so der Fahnder, fehle jede Spur.

Fahndung

Weniger spurlos, so STANDARD-Leser B., sei hingegen seine eigene Fahndung verlaufen: Nach der Lektüre der Geschichte habe er ein wenig im Internet gestöbert - und war dann sehr rasch sehr sicher, einen Beleg für den kreativen Umgang der Krone mit Fakten zur Kriminalitätsentwicklung in Österreich in Händen zu halten: Was da am Papier unter dem Signet "Einbrecherbanden in Wien immer dreister - Opfer mit Theaterkarten von daheim weggelockt" stand, glich nämlich aufs Haar einer Geschichte, die seit 1998 durchs weite Web kursiert.

Plot aus den 50ern

Mehr noch: seit den 50er-Jahren wandert die Mär als "urban legend" durch die Welt. Urban Legends nennt man jene Geschichten, die man vom Bruder des Schwagers einer Freundin der Nachbarin gehört haben will, die sich aber nie belegen lassen. Im konkreten Fall listet das Internet einige bekannte Variationsmöglichkeiten zum "geborgten" Fahrzeug (Auto, Motorrad etc.) und zu den Tickets (Theater, Baseball, Kino, Ballett...) auf - im Kern bleibt die Geschichte aber immer gleich.

Verdacht

Ein erster Anruf des STANDARD bei der Wiener Polizei unterstützt den von Leser B. zwischen die Zeilen seines Leserbriefes geschriebenen Verdacht: Der Fall sei in der Polizeipressestelle nicht bekannt - vielleicht wisse aber das Kommissariat mehr. Das tut es: Ja, der Krone-Bericht sei wahr, erklärt Kurt Bendit vom Kommissariat Ottakring. Der Einbruch habe stattgefunden und werde untersucht. Mehr noch: "Das war nicht das erste Mal, dass das so passiert ist."

Dass das Drehbuch zum Einbruch eine uralte Legende ist, erfuhren die Kriminalisten allerdings erst vom STANDARD. Auch, dass die Wiener Einbrecher auf die Schlusspointe der Internetgeschichte verzichteten: Dort finden die soeben beraubten nämlich beim Heimkommen meist noch einen Zettel an der Wohnungstür: "Wie war das Stück?" (Thomas Rottenberg, DER STANDARD - Printausgabe, 1.02.2005)

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