Spekulationen um Greenspan-Nachfolge

8. Februar 2005, 13:49
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Die Erhöhung der US-Leitzinsen bewegt Amerika weniger als die Frage: Wer passt in die Fußstapfen von Fed-Chef Alan Greenspan?

Washington - Wenn US-Notenbankchef Alan Greenspan heute, Dienstag, die erste Zinssitzung des Jahres eröffnet, sind Überraschungen kaum zu erwarten. Eine Erhöhung der Leitzinsen um 25 Basispunkte auf 2,5 Prozent gilt unter Volkswirten als ausgemachte Sache.

Die viel spannendere Frage, die in der Fed die Runde macht, ist eine andere: Wer übernimmt die Zügel, wenn Greenspan (78) in einem Jahr geht?

Greenspan tritt 2006 ab

Der seit 1987 amtierende mächtigste Notenbanker der Welt tritt Ende Jänner 2006 ab. Darüber, wer in seine Fußstapfen treten soll, wird in Washington schon heftig spekuliert. Zwei Namen tauchen immer wieder auf: Harvard-Professor Martin Feldstein (65) und sein einstiger Schüler, Glenn Hubbard (46), Dekan der Business School der Columbia University.

Feldstein war Wirtschaftsberater von Präsident Ronald Reagan und gilt mit seinen Studien zum Einfluss des Steuerniveaus auf Unternehmer- und Verbraucherverhalten als Vater des Mantras, das Präsident George Bush in seiner ersten Amtszeit zur Basis der Wirtschaftspolitik machte: Steuersenkungen stimulieren Wachstum. Hubbard setzte das um: Er war bis 2003 Vorsitzender des Rats der Wirtschaftsberater von Bush und Architekt der Steuersenkungen.

Große Fußstapfen

Greenspans Fußstapfen sind groß. Der Fed-Chef wurde jahrelang als Genie der perfekten Geldpolitik gefeiert. Er ließ sich von ökonomischen Standardmodellen keine Scheuklappen verpassen, warf alte Weisheiten über das Niveau der akzeptablen Arbeitslosenrate, Produktivitätswachstum und Inflationsgefahren über Bord und wappnete sich lieber mit Daten, die in die Zukunft weisen als zurück. So präsidierte er über den längsten Aufschwung in der Nachkriegsgeschichte.

Seine "Intuition" ist legendär, der Mann wurde zum Superstar, an dessen Lippen Anleger und Geldbeweger hingen, um bei jeder marktbewegenden Äußerung zu reagieren. Doch das Orakel zu verstehen ist eine Wissenschaft für sich. Greenspan weiß natürlich, dass jedes seiner Worte auf die Goldwaage gelegt wird und mag es deshalb kryptisch.

Konstruktive Zweideutigkeit

Die komplizierten Satzgirlanden, die er zum Besten gibt, lassen selbst gewiefte Finanzexperten ratlos um Verständnis ringen. "Konstruktive Zweideutigkeit" nennt Greenspan das mit Schalk im Nacken.

Bei Princeton-Wirtschaftsprofessor und Bush-Kritiker Paul Krugman kommen weder Feldstein noch Hubbard gut weg. Bush bestelle nur Jasager, meinte Krugman jüngst. Genau daran könnte Feldstein scheitern, weil er in den Reagan-Jahren wegen massiver Haushaltsdefizite für vorübergehende Steuererhöhungen war und deshalb vielen Republikanern bis heute als Verräter gilt.

Düstere Zukunft

Für den Fall, dass die Märkte Greenspans Nachfolger als reine "Jasager" empfänden, sagt Krugman eine düstere Zukunft voraus: "Das internationale Kapital wird zum nächsten Ausgang jagen, der Dollar abstürzen und die Zinsen werden massiv steigen." (dpa, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 01.02.2005)

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    Seit 1987 der mächtigste Notenbanker der Welt: Alan Greenspan.

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