Pekings Konkurrenz von links

4. Februar 2005, 20:42
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Politischer Vordenker Wang Hui für Mitbestimmung bei der Liberalisierung

Wien/Peking - "Kamerad Zhao hat schwere Fehler begangen während der politischen Turbulenzen 1989", entschied Chinas Führung, als sie am vergangenen Wochenende nach langem Zögern eine halboffizielle Beisetzungsfeier für ihren früheren, in Ungnade gefallenen Partei- und Regierungschef Zhao Ziyang zuließ. Zhao war im Mai 1989 zu den demonstrierenden Studenten auf den Tiananmen-Platz gegangen und hatte sich gegen eine Niederschlagung der Proteste gestellt.

Mehr als 15 Jahre nach der Demokratierevolte bleibt "Tiananmen" der unüberschreitbare Horizont für Chinas Führung wie für die Intellektuellen im Land, so sehr sie sich auch mühen, über jene Nacht des 4. Juni 1989 hinauszusehen, als Armeepanzer den Protest der Studenten niederwalzten. "Der Kern der sozialen Bewegung waren die Studenten", sagt Wang Hui, der damals selbst an den Demonstrationen teilnahm und dann ein Jahr auf das Land verbannt wurde. "Doch die Risse im System kamen früher."

Die Politik der wirtschaftlichen Reformen in den 80er-Jahren habe Korruption erzeugt, das Regime gespalten und "soziale Widersprüche" geschaffen, meint Wang, der heute Sozialwissenschaften an der Pekinger Elite-Universität Tsinghua lehrt und als einer der originellsten politischen Denker im Land gilt, in einem Gespräch mit dem STANDARD. 1989, so sein Grundgedanke, war die Folge einer Fehleinschätzung der Reformen unter Deng Xiaopeng. Und Chinas rasche marktwirtschaftliche Öffnung heute könnte erneut eine "soziale Bewegung" vom Format "Tiananmen" lostreten, sollte Chinas Führung wirtschaftliche und demokratische Reformen nicht in Einklang bringen. Doch das möchte Wang Hui so nicht sagen.

Aus europäischer Perspektive mag es ein Eiertanz um die alles entscheidende Frage "Demokratie oder Diktatur?" sein, von Peking aus gesehen macht diese Gegenüberstellung keinen Sinn. Demokratie und Sozialsystem seien im Westen als Folge der liberalen Globalisierung ohnehin in der Krise.

Wangs kritische Betrachtung der Studentenproteste von 1989 wie der marktwirtschaftlichen Reformen vor und nach Tiananmen führen in eine andere Richtung: Die "neue Linke" heißt die Denkrichtung in China, unter der auch der 45-jährige Wang verbucht wird. Vor ein paar Jahren war es noch ein Schimpfwort, um Kritiker der Wirtschaftspolitik Reagans und Thatchers - "sie sind bei uns zu Ikonen geworden" - als rückständig abzuqualifizieren, sagt Wang; heute sympathisierten mehr und mehr Chinesen mit den Ideen der "neuen Linken".

"Die Menschen müssen beteiligt werden", sagt Wang, der sein eigenes wissenschaftliches Magazin, Dushu, herausgibt. Demokratische Teilhabe an der wirtschaftlichen Modernisierung sei unabdingbar und die "Ungleichheit", die durch Marktwirtschaft und Privatisierungen entstanden ist, die größte Gefahr für die Gesellschaft. Die Wahlen auf kommunaler Ebene, so meint der frühere Tiananmen-Demonstrant, seien bereits ein erster großer Erfolg. (Markus Bernath/DER STANDARD, Printausgabe, 1.2.2005)

Termin

Wang Hui spricht am Dienstag um 18 Uhr im Wiener Institut für die Wissenschaft vom Menschen, Spittelauer Lände.

  • Der Sozialwissenschafter Wang Hui gehört zur "neuen Linken" Chinas.
    foto: standard/christian fischer

    Der Sozialwissenschafter Wang Hui gehört zur "neuen Linken" Chinas.

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