Ein Hauch von Vernissage-Pop

3. Februar 2005, 19:42
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Drei Vertreter des Grönland-Labels gastierten im Porgy & Bess: Darunter Schräges aus Schottland mit "Half Cousin"

Wien - Die erste Assoziation lautete: Ulla Meinecke. Von wegen Innenansichten in deutscher Sprache nach außen stülpen und sich dabei einer Alltagspoesie bedienen, die den banalen Wallungen gerecht wird. Das nennt man einen Fehlstart. Der Auftritt der deutschen Sängerin Kira bei der Grönland-Labelnacht im Porgy & Bess zeigte eine zwar sympathisch wirkende junge Sängerin und Gitarristin, die in ihrem Tun jedoch nicht zu bewegen vermochte: Eine kreuzbrave Band, austauschbare Arrangements, keine Höhepunkte.

Dem Gesang fehlte die Leidenschaft und die Texte - Ulla Meinecke. Grönland heißt das Label von Sänger Herbert Grönemeyer. Unter seinem "Ehrenschutz" - er sprach vor den Konzerten einleitende Worte über die Ambitionen von Grönland - standen die Auftritte von Kira, dem wohl bekanntesten Namen des Verlags Hans Joachim Roedelius, der mit der Band Cluster oder Arbeiten mit Brian Eno bekannt wurde, sowie den Schotten von Half Cousin.

Letztgenannten eilt der Ruf voraus, sie hätten mit ihrem Album The Function Room eines der wichtigsten Werke des Vorjahres geschaffen. Das Quartett widmet sich darauf einem dekonstruktivistischen Folk, den es mit elektronischen Momenten bricht. Ein tatsächlich funktionierendes Ergebnis gelingt Half Cousin aber nur in der Eröffnungsnummer Country Cassette.

Die Montage

In diesem Stück harmonieren die Montagen, besitzen die Bruchstücke sanfte Dramatik. Den folgenden zwölf Stücken ist das nicht beschieden. Sie wirken skizzenhaft, unfertig, nicht zu Ende gedacht. Auch live fand man aus diesem Dilemma keinen Ausweg. Kevin Cormack saß im Zentrum des Geschehens und plagte seine Gitarre, deren Echo auf eine rudimentäre Rhythmusarbeit traf, zweifelhaft unterstützt von Geräuschen aus dem Synthesizer, Klarinettenspiel und dem Fluch der queren Flöte. Das Spiel wirkte angestrengt, disharmonisch und man konnte den Zuckungen des auf seinem Sessel wild agierenden Frontmannes nur schwer folgen oder etwas abgewinnen:

Bislang ungedachte Begriffe wie Galerien-Jazz oder Vernissagen-Pop kamen einem in den Sinn. Bemüht mühsam - und wie Kira ohne Höhepunkte. Immerhin: Grönlands sympathische Philosophie ist es, längerfristig auf seine Künstler zu setzen, sie aufzubauen, so wie das früher einmal üblich war. Das mag den Künstlern Trost spenden, auf das Publikum wirkte es eher befremdend. (DER STANDARD, Printausgabe, 01.02.2005)

Von
Karl Fluch
  • Schräges aus Schottland: "Half Cousin" pendelten zwischen dunklen Balladen und brachialen Gitarrenanfällen.
    foto: standard/fischer

    Schräges aus Schottland: "Half Cousin" pendelten zwischen dunklen Balladen und brachialen Gitarrenanfällen.

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