Manfred Scheuer: "Manches hausgemacht"

11. Februar 2005, 15:48
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Der Tiroler Bischof sprach über Individualisierung und die Weitergabe des Glaubens

STANDARD: Herr Bischof, glauben Sie, dass bei den Austritten der Tiefpunkt erreicht ist? Scheuer: Das eine ist eine Frage der Statistik, das andere eine der Intensität des Glaubens. Ich sehe neue Ansätze, dass auch junge Menschen sich vom Evangelium wieder packen lassen. Es hat in der Geschichte immer Zeiten der Zu- und der Abnahme gegeben. Man sagt aber auch, im Winter wächst das Brot.

STANDARD: Mit einem Anstieg auf 18,3 Prozent ist ihre Diözese glimpflich davongekommen. Scheuer: Aber jeder Austritt tut weh. Es sind immer konkrete Menschen, die austreten, nicht Zahlen. Es gibt auch Positives - an gemeinsamer Feier oder an gelebter Solidarität. Was die Weitergabe des Glaubens betrifft, haben wir sicher manche Probleme.

STANDARD: Warum erreicht man die Leute nicht mehr? Scheuer: Es ist ja nicht so, dass früher alle ganz intensiv in der Mitte des Glaubens gestanden sind und heute nicht. In manchen Bereichen fällt es uns schwer, das Evangelium zu vermitteln. Manches ist hausgemacht, aber nicht alles.

STANDARD: Das heißt? Scheuer: Es gibt den Trend zur Individualisierung. Was in der Gesellschaft so Mode ist, ist ja nicht einfach auf das Evangelium ausgerichtet. Das Thema "Austritte" hat auch einen gewissen medialen Unterhaltungswert. Manche versuchen mit den Austrittszahlen "ihre Botschaft" zu transportieren.

STANDARD: Schuld an den Austritten sollen die Vorfälle in St. Pölten sein. Ist es so einfach? Scheuer: Monokausale Erklärungen sind zu simplifizierend. Ich erhalte ja Briefe von Ausgetretenen. Darin geht es um persönliche Verletzungen oder auch um Entscheidungen gegen Glaubensüberzeugungen der Kirche, die nicht mehr mitvollzogen werden. Und manchmal habe ich den Eindruck, dass es dazugehört, dass man austritt.

STANDARD: Also zurück zu den Kernschichten? Scheuer: Es gab immer schon die Versuchung, nur den reinen Kern zu halten und die anderen abzustoßen. Das geht nicht. In Tirol gibt es etwa eine Tradition der Volksfrömmigkeit - der Kirchbesuch nimmt ab, Wallfahrten boomen aber.

STANDARD: Sie sehen also keinen Reformbedarf? Scheuer: Die Kirche ist immer der Reform bedürftig. Die Kommunikation zwischen der Ortskirche und Rom ist zu vertiefen. Man könnte die Mitsprache bei den Bischofsernennungen stärken - ohne päpstliche Rechte infrage zu stellen.

STANDARD: Auch die Zahl der Diözesanpriester sinkt seit Jahren stetig. Soll es hier Änderungen geben? Scheuer: Es braucht nicht mehr Funktionäre, sondern mehr Christuszeugen. Es geht für mich zuerst darum, dass der Wert der ehelosen Lebensform erkannt wird. Über das andere kann man streiten. (Peter Mayr/Markus Rohrhofer, DER STANDARD - Printausgabe, 01.02.2005)

Manfred Scheuer wurde am 10. August 1955 in Haibach (Oberösterreich) geboren. Er studierte in Linz Theologie. 1980 wurde er zum Priester geweiht. Seit dem Wintersemester 2000/ 2001 war Scheuer Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Theologischen Fakultät Trier. Am 21. Oktober 2003 hat Papst Johannes Paul II. ihn zum neuen Bischof der Diözese Innsbruck ernannt.
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