Mozart und die Indifferenz

3. Februar 2005, 19:42
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Nikolaus Harnoncourt und der Concentus im Festspielhaus

Salzburg - Früher beliebte es, gerade in Salzburg über so manche Mozart-Interpretation zu spekulieren, zu streiten. Es gab in den 60ern manche, die einen "Salzburger Mozart-Stil" proklamierten, der von Leopold Hager und dem Mozarteum-Orchester "verkörpert" schien. Es wurde vom "echten" Mozart geschwärmt - in diskreter Disqualifikation gastierender Versuche, die sich dieser Salzburger Umgangsprache nur bedingt mächtig zeigten.

Immerhin: Es wurde gestritten. Inzwischen hat sich die Mozart-Gestaltung aufgefächert, sozusagen als Spiegelbild einer multikulturellen Gesellschaft, zu deren Eigenheiten es zählt, dem einst Verbotenen das Wertesiegel des Erlaubten und dem Erlaubten das Prädikat des erwünschten Verbotenen zu verleihen. Diese Prozesse gingen einem durch den Kopf, als Daniel Harding mit dem Mahler Chamber Orchestra und Hubert Soudant mit dem Mozarteum Orchester so völlig gegensätzliche Deutungen boten - und dennoch stellt sich kaum etwas anderes als Begeisterung ein.

Natürlich wäre es schön, wenn tatsächlich Mozart gefeiert würde, aber möglich auch, dass "gefressen" wird, was vorgesetzt wird. Unter den vielen Vorführungen mit pianistischen Ehrenbezeigungen (Lonquich, Sokolov, Bronfman!) und im finalen Schwung der orchestral-vokalen Entäußerungen darf, ja muss die mutige, in Text, in Neutext und Musik engagierte Darbietung der Zaide gerühmt werden.

Dieser Entführung gleichsam im Embrionalformat fehlt es an inhaltlicher Verquickung von 15 auskomponierten "Nummern" - ein unvollendet gebliebener Melodien-und Charakterschatz also nach orientalischem Muster, der sich auf CD komfortabel verfolgen lässt, weniger aber in einem Festspielhaus als abendfüllende Oper ohne Kostüm und Dekorationen.

Tobias Moretti nun hatte verbindende Texte von aktueller Brisanz geschmiedet und sie mit Überzeugungskraft verlautbart - ganz im Sinne einer musikalisch ungeschminkten Gangart, wie sie Nikolaus Harnoncourt mit dem Concentus Musicus mit allen Finessen der begründeten (Über-)Zeichnung im Martialischen, mit dem nötigen Liebreiz im Lyrischen in die Wege leitete. Diana Damrau (glockenklar, leicht vibrierend in der Höhe), Michael Schade, Matthias Goerne, Rudolf Fasching und Franz Hawlata in den Solopartien waren die Begünstigten auch knalliger Musik und mit Harnoncourt die Garanten für einen sehr wesentlichen Abend. (DER STANDARD, Printausgabe, 01.02.2005)

Von
Peter Cossé
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