US-Regierung: "Iraker haben sich befreit"

1. Februar 2005, 20:23
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In den USA bemühten sich diverse Repräsentanten der Regierung Bush, die historische Bedeutung der Irakwahl hervorzustreichen

"Die Welt hört die Stimme der Freiheit aus dem Zentrum des Nahen Ostens", erklärte ein strahlender George W. Bush vier Stunden nach dem Schließen der Wahllokale im Irak. Die Wahlen seien ein "überwältigender Erfolg".

Das Glitzern des Triumphes im Auge des amerikanischen Präsidenten spiegelte sich in Editorials und in den Reaktionen vieler Amerikaner wider: "Eine Stimme für die Ausdauer" titelte etwa die Washington Post einen Leitartikel - endlich hätten die Amerikaner gesehen, wofür sie kämpften, und eine "Antwort auf die Frage erhalten, ob die Mission im Irak eine gerechte Sache sei". Die New York Times sieht die Wahlen als "Botschaft aus dem Irak": "Wenigstens für den Augenblick werden die vielen politischen Fehlschläge im Vorfeld der Wahlen durch einen bemerkenswert erfolgreichen Wahltag in den Schatten gestellt."

Die erst Freitag als neue Außenministerin angelobte Condoleezza Rice sah den Wahltag im Irak, auch wenn dieser "nicht perfekt" gewesen sei, für die Iraker als einen "riesigen Schritt vorwärts. Aber sie haben noch viel harte Arbeit vor sich."

Der konservative Kolumnist und Weblogger Andrew Sullivan, der den Krieg selbst befürwortet, dessen Durchführung im Einzelnen jedoch kritisiert hatte, fühlt sich bestätigt: "Vor zwei Jahren hat der Westen den Irak befreit, Sonntag haben die Iraker sich selbst befreit."

Die Unkenrufe waren spärlich gesät und kamen, wie erwartet, aus der linken Reichshälfte. So meinte zum Beispiel der glücklose demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry: "Es ist schwer zu sagen, dass etwas gültig ist, wenn ein großer Teil des Landes nicht wählen kann und nicht gewählt hat." Darüber hinaus sei "die Welt heute weniger sicher als vor zweieinhalb Jahren". Der Doyen der Demokraten, Edward Kennedy, wiederholte seine Forderungen, die USA sollten sobald wie möglich einen Teil der Truppen abziehen und einen Zeitplan für einen endgültig Abzug ausarbeiten.

Andere Demokraten, darunter Kerry selbst und der Außenpolitiker Joseph Biden, halten einen Truppenabzug jedoch für verfrüht. Senator Evan Bayh, der als möglicher Präsidentschaftskandidat für das Jahr 2008 gehandelt wird, stimmt ihm zu: "Wir müssen jetzt erfolgreich sein und leider erfordert das unsere Anwesenheit für einige Zeit." Auch der altgediente demokratische Senator Carl Levin aus Michigan ist der Ansicht, nun sei nicht die Zeit, von Truppenabzügen zu reden: Das hieße "das Pferd beim Schwanz aufzäumen".

Sollte die Wahlbeteiligung tatsächlich bei etwa 60 Prozent liegen, führt die kanadische Zeitung Globe and Mail aus, so wäre das etwa das Äquivalent einer durchschnittlichen Wahlbeteiligung in den USA und Kanada. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.2.2005)

Von Susi Schneider aus New York
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