Egon Kapellari: "Brauchen kein Facelifting"

11. Februar 2005, 15:48
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Der Grazer Bischof im Interview über Imagepolitur und Kirchen-Pleite

STANDARD: 50.000 Gläubige sind im Vorjahr ausgetreten. Warum ist die Kirche so unglaubwürdig geworden? Kapellari: Es gibt mehrere Gründe. Auseinandersetzungen betreffend einige Personen und Strukturen waren einer davon. Der tiefste Grund für das Schrumpfen der großen christlichen Kirchen in Westeuropa liegt aber sicher darin, dass Gott, dass Christus vielen Getauften fremd geworden ist.

STANDARD: Hat sich aber nicht eher die Kirche von ihren Gläubigen entfernt? Kapellari: Vielen sind wir fern geworden, das stimmt. Wir sollen und wollen aber wieder für alle da sein.

STANDARD: Tausende Kirchengänger haben das im Vorjahr anders gesehen. Sind Reformen nicht überfällig? Kapellari: Reformen sind immer notwendig. Manchmal kommen sie leider stark verspätet. Gut gemeinte Anpassungen an Zeitströmungen können aber auch zu einer argen Verflachung führen.

STANDARD: Weniger Gläubige heißt auch weniger Geld. Droht die Kirchen-Pleite? Kapellari: Einer wirklich glaubenden und liebenden Kirche wird das tägliche Brot nicht ausgehen. Geld darf aber nur ein Mittel sein, um möglichst vielen Menschen Christus zeigen zu können und um Not zu lindern.

STANDARD: Bräuchte die Kirche nicht eine Art Imagepolitur, um sich moderner und liberaler zeigen zu können? Kapellari: Um ein gutes Image sollten wir uns als Kirche zwar bemühen, es darf dabei aber nicht bloß um ein "Facelifting" gehen auf Kosten eines ernsthaften Versuchs zur Nachfolge Christi. Wörter wie "liberal" und "modern" greifen da zu kurz.

STANDARD: Wie lange lassen sich "heikle" Themen wie etwa Homosexualität noch verschweigen? Kapellari: Wir verschweigen gar nichts, aber wir unterscheiden uns bei einigen Themen von der Überzeugung vieler Zeitgenossen. Unsere alternative Ethik müssen wir gelassen und ohne Überheblichkeit praktizieren und immer wieder erklären.

STANDARD: Der akute Priestermangel sorgt für Diskussionen um den Zölibat. Wie stehen Sie dazu? Kapellari: Der Zölibat ist als Lebensform katholischer Priester und Ordensleute von jeher eine große geistliche Kraft. Mit den damit verbundenen Problemen müssen wir offen umgehen.

STANDARD: Sollten nicht mehr alle Wege nach Rom führen? Kapellari: Bei den Strukturen gibt es sicher einen Spielraum. Rom, der Papst, sind aber als starkes Zentrum nicht nur für die katholische Kirche wichtig. Es stärkt die gesamte Christenheit - der Papst ist mehr als ein Weltkirchenratspräsident oder ein UNO-Generalsekretär. (Peter Mayr/Markus Rohrhofer, DER STANDARD - Printausgabe, 1.02.2005)

Der 1936 in Leoben in der Steiermark geborene Egon Kapellari studierte Theologie in Salzburg und Graz. Nach einer Zeit als Hochschulseelsorger folgte am 7. Dezember 1981 die Ernennung zum Bischof vorerst der Diözese Gurk-Klagenfurt. Seit 14. März 2001 steht der konservative Kirchenmann mit Mut zu innerkirchlichen Erneuerungen als Bischof der Diözese Graz-Seckau vor.
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