Ayatollah Sistani durfte nicht wählen

1. Februar 2005, 20:23
posten

Der Schiitenführer ist Iraner - aber bei der irakischen Verfassung wird er mitreden

Bagdad/Wien - Er hat alle Iraker und Irakerinnen an die Urnen gerufen, und zumindest seine Schiiten sind ihm gefolgt: Ayatollah Ali Sistani ist ganz gewiss einer der Väter dieser Wahlen; nicht nur die USA, auch er ist immer ganz stark gegen eine Verschiebung aufgetreten. Den Schiiten im Irak sollte endlich im politischen Prozess diejenige Rolle zukommen, die ihnen jahrzehntelang vorenthalten wurde. In den Zwanzigerjahren hatten sie wesentlich den Aufstand gegen die Briten mitgetragen, wurden dann aber - zum Teil durch Selbstausschluss, aus Protest gegen die panarabische Ausrichtung der irakischen Führung - ins politische Abseits gedrängt.

Unter Saddam Hussein wurde zwar bestimmt niemand nur deshalb verfolgt, weil er schiitische Eltern hatte - Schiiten saßen in hohen Positionen und waren genauso wie alle anderen in der Baath-Partei -, aber sie wurden als Gruppe kollektiv verdächtigt, Sympathien für den politischen Islam iranischen Zuschnitts zu hegen. Viele iranischstämmige irakische Schiiten wurden deportiert, charismatische schiitisch-religiöse Führerfiguren systematisch umgebracht.

Mitanwärter ermordet

Sistani hat zwar unter Saddam Hussein lange in Hausarrest gelebt, war aber sonst unauffällig: Selbst Experten waren nach dem Fall Saddams eher überrascht, als er sich als unbestrittener geistlicher Führer herausstellte. Zwei starke Mitanwärter - Mohammed Bakr al-Hakim und Abdul Majid al-Khoei - wurden allerdings im Sommer 2003 ermordet, beide waren aber im Exil gewesen und hätten nicht diese Verwurzelung gehabt.

Übrig blieb Sistani, 1930 im iranischen Mashhad geboren, seit 1952 in Najaf lebend. Die Wahlen am Sonntag haben nun auch das Rätsel gelöst, das sich DER STANDARD stellte, als er im Jänner vor einem Jahr den Ayatollah zum ersten Mal zum "Kopf des Tages" machte: Hat der vielleicht mächtigste Mann des Irak, zumindest der mit dem größten Mobilisierungspotenzial, nun eigentlich einen irakischen oder einen iranischen Pass? Oder beide? Am Sonntag hat Sistani die Frage beantwortet, als er den Irakern gratulierte und sein Bedauern ausdrückte, dass er wegen seiner iranischen Staatsbürgerschaft selbst nicht an den Wahlen teilnehmen konnte.

Nichts könnte verkehrter sein, als deshalb Sistani quasi als iranisches U-Boot zu sehen. Gut eindreiviertel Jahre nach dem Sturz Saddam Husseins kann man getrost behaupten, dass Sistani in manchen Kreisen im Iran sogar ziemlich unbeliebt ist. Er hat den herrschenden Konservativen den Tort getan, dass er das Staatsmodell Ayatollah Khomeinis, den vom höchsten islamischen Rechtsgelehrten regierten islamischen Staat (velayat-e faqih), für den Irak ablehnt.

Einfluss auf Verfassung

Noch immer ist dabei nicht klar, wie viel Islam sich Sistani für den irakischen Staat wünscht, gesellschaftspolitisch ist er zweifellos ein Konservativer. Dass er die UIA (United Iraqi Alliance, die Schiiten-Sammelliste) im Wahlkampf ziemlich offen unterstützte, interpretiert Juan Cole von der Universität Michigan so, dass er sich damit einen Einfluss auf die höchstwahrscheinlich siegreiche Liste sichern wollte: das heißt, einen Einfluss darauf, wie die nächste irakische Verfassung aussehen wird. Säkulare Iraker - und Christen - haben die Sorge, dass die Islamisierung nicht aufzuhalten sein wird, auch wenn der Klerus den Irak nicht regieren wird. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 1.2.2005)

Share if you care.