Analyse: Wenn die Grünen mit Jörg Haider gehen

31. Mai 2005, 11:40
5 Postings

Die Pisa-Studie zeitigt höchst seltene Koalitionen - Eine davon will das Poly abschaffen. Eine Analyse von Lisa Nimmervoll

Wien - Gar seltsame und seltene Koalitionen bringt die Pisa-Studie zustande. Dieser Tage zu beobachten: Ein blau-grüner Paarlauf, wenngleich dieser mehr "passiert" sein dürfte, denn bewusst gewollt. Das Polytechnikum soll abgeschafft und die Grundschule dafür auf fünf Jahre verlängert werden, lautet der überraschende bildungspolitische Konsens zwischen Grünen-Bildungssprecher Dieter Brosz und dem Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider.

Brosz deponierte am Wochenende exakt jene Forderung, die Haider vor sechs Wochen im STANDARD-Interview als Conclusio aus der Pisa-Studie formuliert hatte. Was für Haider ein "Wurmfortsatz" ohne konkretes Bildungsziel, ist für den Grünen-Politiker eine "historisch gewachsene Fehlkonstruktion", die man sich "ersparen könnte", wenn man das eine Jahr in der Schulkarriere vorn dranhängt.

Die ÖVP stellte sich in Person von Bildungssprecher Werner Amon schützend vor das Poly. Abschaffen löse keine Probleme, beschied er.

Die Polytechnische Schule ist ja eine bildungspolitische Erfindung der ÖVP. 1962 wurde sie als Schulart vom damaligen Unterrichtsminister Heinrich Drimmel (VP) eingeführt, vier Jahre später als Vorbereitungsjahr auf die betriebliche Berufsausbildung konkretisiert. 1997/98 gab es einige Änderungen im Zuge der Schulreform "Poly 2000".

Schon 2001 überlegte die schwarz-blaue Koalition, dem Poly den Garaus zu machen und stattdessen wie in Deutschland die mittlere Reife einzuführen. Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl sprach sich damals klar für die Abschaffung des "abgewirtschafteten" Poly, das er als Inbegriff eines "Sackgassen-Systems" betrachtete, aus. Dessen Fächer sollten mit jenen der Berufsschulen in eine mit der mittleren Reife abgeschlossene zweijährige Ausbildung fließen, daran anschließend wäre der Einstieg in eine zweijährige Lehre möglich gewesen - oder aber in höhere Bildungsformen. Das Bildungsministerium verwies damals auf eine Umfrage, wonach das Poly seine "Kernaufgabe", die Berufsüberleitung, "sehr gut erfüllen kann".

Vier Jahre und zwei Pisa-Studien später gilt das Polytechnikum - auch für Bildungsexperten wie Pisa-Science-Chefin Christa Koenne - erneut als Konkursmasse. Die größte Hürde aber, die für Schulfragen nötige Zweidrittelmehrheit, blockiert noch immer jeden Reformweg. Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (VP) ist das Angebot der SPÖ, "ohne Bedingungen" dem Wegfall des hohen Quorums im Parlament zuzustimmen, nun doch etwas zu generös. Eine komplette Streichung der Zweidrittelmehrheit lehnen die Schwarzen ab. Die Grünen sind in der Frage indes ganz bei den Roten.

(Lisa Nimmervoll/DER STANDARD-Printausgabe, 1.2.05)

Share if you care.