"Schlusslichter/Feux rouges": Wie ein Insekt vor dem Auge des Forschers

26. März 2005, 22:17
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Der französische Regisseur Cedric Kahn entwickelt in "Schlusslichter/ Feux rouges" ein hintergründiges Psychodrama

... - mit Jean-Pierre Darroussin als kongenialem Hauptdarsteller


Wien - Eine letzte Erkundigung, ein letzter Kaffee vor der Reise in den Sommerurlaub: Cédric Kahns neuer Film Schlusslichter/Feux rouges beginnt in der Hektik eines Aufbruchs. Das Ehepaar Antoine (Jean-Pierre Darroussin) und Hélène (Carole Bouquet) kennt die Strecke, die vor ihnen liegt - denn seit Jahren ist es schon dieselbe.

Doch dieses Mal kommen sie vom Weg ab, in einem wörtlichen und in einem übertragenen Sinn: In die routinierten Abläufe schleicht sich ein Moment der Störung ein. Antoine fühlt sich gedemütigt, weil Hélène Verspätung hat. Der Urlaubsantritt wird zur Szene, die auch die Verschleißerscheinungen ihrer Beziehung freilegt.

"Antoine fühlt sich der Lage nicht mehr gewachsen, er ist zutiefst unzufrieden.", konkretisiert Darroussin im Interview mit dem STANDARD die Gefühlslage seiner Figur. "Als Schauspieler saugt man ja wie ein Schwamm das Unglück der anderen in sich auf. Und ich weiß, wie dieser Prozess der (Selbst-)Zerstörung läuft - noch dazu, wenn man jemanden wie Hélène vor sich hat, die sich entfaltet hat. Antoine versucht, die Beziehung zu zerstören, weil er endlich der Stärkere sein will."

Mit Darroussin entschied sich Kahn für eine ungewöhnliche Besetzung, ist der in Frankreich sehr populäre Schauspieler doch eher auf komische Rollen festgelegt. Außerdem gehört er zum festen Ensemble der Filme von Robert Guédiguian, momentan ist er in einer Nebenrolle in Jean-Pierre Jeunets Mathilde - Eine große Liebe zu sehen.

Tragische Note

Zum Lachen sind Darroussins Darstellungen stets aufgrund ihrer allzu menschlichen Defekte, ihre Lächerlichkeit ist auch der Effekt ihrer Zerbrechlichkeit; in Schlusslichter erhält letztere nun eine tragische Note, weil sich Antoine seines Zustands durchaus bewusst ist. Darroussin: "Es ist immer dasselbe Schema: Witzig ist, wenn die Figur nichts von ihrer Blödheit weiß; aber wenn sie davon eine Ahnung hat, endet es im Leiden."

Kahn lässt die Ehekrise in der Enge des Autos immer heftigere Züge annehmen. Die Verkehrssituation liefert dafür die entsprechende Verstärkung. Die beiden stecken im Stau fest, und Antoine wird immer impulsiver; er schert mit dem Wagen aus, überholt waghalsig. Als er zum wiederholten Mal an einer Raststätte hält, um ein Glas Whiskey zu trinken, ist Hélène plötzlich verschwunden.

Spätestens in diesem Moment treten die generischen Züge des Films - eine Adaption eines Georges-Simenon-Romans - zutage. Mit dem Auftauchen eines mysteriösen Fremden wird aus Schlusslichter ein Neo-Noir und aus Antoine ein Held, der sich im Unterwegssein, zumindest in dieser einen Nacht, seiner sozialen Bande entledigt. "Ich bin kein Schauspieler, der auf Leistung im Sinne von Virtuosität Wert legt,", meint Darroussin zu dem Umstand, dass er das emotionale Zentrum des Films verkörpert, "mir liegt das nicht. Aber mir war bewusst, dass diese Rolle auch etwas ,Nummernhaftes' hat:

Mit Gewalt wird man mit einem Gefühl der Angst konfrontiert. Wenn man daran arbeitet, dauert dieser Prozess neun Wochen. Man beginnt, in sich selbst nach Angstzuständen zu suchen und darf dabei nicht völlig durchdrehen. Das war die wahre Herausforderung dieses Films und ist die Form von Leistung, die ich schätze - sie bleibt nämlich unsichtbar. Es erfordert Erfahrung, sich in die Leere zu stürzen und sich wieder anzuhalten, bevor man am Boden zerschmettert ist."

Nur ein Traum?

Antoines nächtlicher Fahrt verleiht Kahn eine traumähnliche Qualität. Ob alles nur die Fantasie eines Mannes ist, der sich seinen inneren Dämonen stellt und dabei eine neue Freiheit auskostet, oder ob es sich doch um ein reales Geschehen handelt, bleibt ungeklärt. Die Straßen führen jedenfalls irgendwann nur noch ins Dunkel, Polizeikontrollen säumen den Weg, die Lichter der Umgebung verschwimmen im Dahingleiten. Und nach jedem Traum, erfolgt auch ein Erwachen - und mit diesem kehrt die Sorge zurück: "Wenn Antoine am Morgen erwacht, geht es darum, die Erwartung von etwas Unbestimmten auszuleben."

Aus einer im Grunde simplen Telefonszene wird da ein darstellerisches Ereignis: Antoine recherchiert nach seiner Frau - in den unüblich langen Einstellungen bleibt die Kamera ganz auf ihn und seine Präsenz fokussiert, noch einmal werden alle Gefühlslagen der Figur transparent: "Ich fühlte mich ein wenig wie ein Insekt, das sich unter dem Blick des Forschers bewegt." (DER STANDARD, Printausgabe, 01.02.2005)

Von
Dominik Kamalzadeh

Ab Freitag (4.2.) im Kino
  • Die vermeintliche Routine einer Fahrt in den Urlaub wird für Jean-Pierre Darroussin und Carole Bouquet in "Schlusslichter/Feux rouges" zur albtraumhaften Reise in eigene Abgründe.
    foto: stadtkino

    Die vermeintliche Routine einer Fahrt in den Urlaub wird für Jean-Pierre Darroussin und Carole Bouquet in "Schlusslichter/Feux rouges" zur albtraumhaften Reise in eigene Abgründe.

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