Ethnische und konfessionelle Spaltung des Landes wirft ihre Schatten voraus

2. Februar 2005, 10:11
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Ein Gefühl der Erlösung herrscht am Tag nach der Wahl, doch die Gräben sind tief

Bagdad/Erbil - Schwerfällig erwachte die irakische Hauptstadt am Montag in der Früh aus der Lähmung der massiven Sicherheitsmaßnahmen, die ihr wegen der Wahlen am Vortag auferlegt worden waren. Nur wenige Autos waren nach dem Fahrverbot am Wahltag auf den Straßen zu sehen, Geschäfte und Restaurants hielten weiter geschlossen. Auch die Brücken über den Tigris, der mitten durch die Stadt fließt, blieben für den Verkehr gesperrt.

Die Übergangsregierung des Irak hatte ohnehin die Zeit bis einschließlich Montag zur arbeitsfreien Feiertagsperiode erklärt. Schulen und Universitäten haben noch bis zum Samstag verlängerte Semesterferien. Doch unter den Bürgern der Stadt herrschte große Erleichterung, dass der Wahltag ohne große, blutige Anschläge über die Bühne ging. "Vielleicht ist dieser Albtraum jetzt überhaupt zu Ende", meinte ein Geschäftsbesitzer im Innenstadt-Viertel Karrade.

Auch der Zeitungsherausgeber Ismail Sayer, der auf der Liste des Übergangspräsidenten Ghazi al-Yawir kandidierte, glaubt, dass nun der Bann gebrochen wäre. "Dass so viele Menschen wählen gingen, bedeutet doch, dass sie sich von den Terroristen nicht mehr einschüchtern lassen."

Mut bei der Wahl

Tatsächlich erforderte die Stimmabgabe am Sonntag Mut: Zum einen konnte man nicht wissen, was einen erwartet, zum anderen töteten Selbstmordattentäter mit Sprengstoffgürteln im Umkreis der streng bewachten Wahllokale immer noch mehr als 30 Menschen. "Die Lokomotive der Demokratie ist abgefahren, und zwar in die richtige Richtung", fügte Sayer enthusiastisch hinzu.

Doch die Beteiligung an den Wahlen entlang ethnischer und konfessioneller Linien, wie sie sich am Sonntag abzeichnete, wirft einen Schatten auf den für die Region ungewöhnlich demokratischen Wahlablauf. "Die Gräben (in der irakischen Gesellschaft) sind so markant und tief, dass diese Wahlen, anstatt die Menschen zueinander zu bringen, sie sehr wohl auseinander reißen könnten", warnte das US-Meinungsforschungsinstitut Zogby. 53 Prozent der befragten Schiiten, so heißt es dort auch, erachteten Angriffe auf fremde Truppen im Irak für rechtens.

Kurden enttäuscht

In Erbil, der Hauptstadt der Kurden im Irak, rauchten indes am Tag nach der Wahl erst einmal die Köpfe. Die überraschend hohe Wahlbeteiligung von vielleicht 60 Prozent im ganzen Land - in Kurdistan wurden rund 80 Prozent geschätzt - hat die Prognosen der Kurden über den Haufen geworfen. Sie hatten mit 75 bis 85 Sitze in der 275-köpfigen Nationalversammlung gerechnet und werden sich nun wohl mit deutlich weniger begnügen müssen. In stundenlangen Sitzungen wurde deshalb erst einmal über die neue Ausgangslage beraten, denn bereits in wenigen Tagen beginnt das Tauziehen um die Posten im künftigen Staatspräsidium und in der Regierung.

Die Auszählung der Stimmen, die in den einzelnen Wahlbüros gleich nach Wahlschluss begonnen hatte, verlaufe im ganzen Irak ohne Probleme, erklärte am Montag der Sprecher der Wahlkommission Farid Ayar. Und er kündigte an, dass im Laufe der nächsten Tage auch Einzelergebnisse veröffentlicht würden. Bis ein klares Bild entsteht, dürfte es allerdings mindestens eine Woche dauern, und bis offizielle Resultate publik gemacht werden können, werden mindestens zehn Tage verstreichen. Während sieben Tage läuft zudem die Beschwerdefrist. Das genaue Prozedere der Auszählung ist allerdings nicht bekannt gegeben worden - aus Sicherheitsgründen. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.2.2005)

Von Gregor Mayer und Astrid Frefel
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