Schulpolitik nach Pisa - Schiefer geht's nicht

31. Mai 2005, 11:40
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Von der ideologischen Kehrtwende in die finanzielle Sackgasse - von Josef Broukal

Fest steht: Österreichs Schule braucht einen großen Schritt nach vorne. Nach Pisa kann man über vieles nicht mehr streiten. Es ist ein Fakt, dass 20 Prozent der 15-Jährigen nicht flüssig lesen können. Es ist ein Fakt, dass unsere Jungen mit kniffligen Problemen ihre liebe Not haben. Es ist ein Fakt, dass Naturwissenschaft sie nicht wirklich interessiert. Aber wie geht es jetzt weiter?

Ein paar Tage konnte man den Eindruck haben, die ÖVP habe die Botschaft von Pisa verstanden. In einer atemberaubenden Kehrtwende sprach Bildungsministerin Gehrer von Ganztagsschule überall. Und zwar auch mit Unterricht über den ganzen Tag verteilt, wie es für die Kinder am besten ist. Sie sei für alle Formen offen, sagte Gehrer am 24. Jänner. Davon ist jetzt schon keine Rede mehr, Gehrer rudert seit Tagen zurück und spricht nur noch von "Betreuung am Nachmittag".

Das hat einen ganz praktischen, aber nicht sehr ehrenvollen Grund. "Betreuung" geht an Volks- und Hauptschulen nur Gemeinden und Länder etwas an, "Unterricht" nur die Bildungsministerin. Wenn sie "Betreuung" sagt, sagt sie gleichzeitig: "Ich will dafür keinen Euro zahlen." Und das bedeutet, dass in den nächsten Jahren unsere Schulen ganz verschiedene Entwicklungen nehmen werden. Gemeinden, die sich das Einrichten von Küchen und Speisesälen nicht leisten können, werden keine ganztägigen Schulen haben. Allein im Bundesland Oberösterreich stehen 200 Gemeinden finanziell mit dem Rücken zur Wand. Sie können nicht einmal das Nötigste finanzieren, wie dann Küche und Aufenthaltsräume für den Nachmittag? Über ganz Österreich gesehen geht es um enorme Beträge. Das überfordert auch die Bundesländer.

Nein, der Ausbau der Schule braucht eine nationale Kraftanstrengung, braucht ein Programm, an dem sich alle beteiligen. Wenn Präsident Khols Satz stimmt, die ÖVP habe ihre ideologische Sperre gegen ganztägige Schulformen überwunden, dann darf an ihre Stelle nicht die finanzielle Sperre durch den Finanzminister treten.

Wenn es stimmt, dass berufstätige Frauen überall in Österreich heute die Hilfe der Schule am Nachmittag brauchen, dann muss es solche Schulen überall in Österreich geben. Dann muss die Republik einspringen, muss fördern und helfen.

Stattdessen wiederholt Ministerin Gehrer das üble Spiel mit den Universitäten. Diese sind bekanntlich, wie die Gemeinden auch, "autonom", können also tun und lassen was sie wollen, bekommen aber leider nicht das Geld dafür. So kann es nicht gehen, und man kann nur hoffen, dass die ÖVP-geführten Länder und Gemeinden sich darüber genau so aufregen wie der Städtebund.

Von der gemeinsamen Schule der Sechs- bis Vierzehnjährigen will die Regierung im Übrigen nach wie vor nichts wissen. Pisa zeigt ja auch, dass an den allgemeinen und berufsbildenden höheren Schulen die Welt in Ordnung ist. Was aber ist mit den Jungen, die in die Hauptschule gehen? Ihre Leistungen sind laut Pisa im Schnitt schlechter - warum fördert man sie nicht mehr? Warum gibt es an den Hauptschulen nicht mehr Unterricht, mehr Übung, mehr Hilfe? Warum bekommen die, die ohnedies leicht lernen, die am längsten (und besten?) ausgebildeten Lehrer? Wieso gibt es überhaupt getrennte Ausbildungen, unterschiedliche Bezahlung, unterschiedliche Anerkennung?

Weil es Österreichs Eliten offenbar genügt, dass ihre eigenen Kinder in den besten Schulen unterkommen. Rette sich wer kann . . .

(DER STANDARD-Printausgabe, 1.2.2005)

Der Autor ist Wissenschafts- sprecher der SPÖ.
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