Statistikprofessor Neuwirth: Falsche Schlüsse

31. Mai 2005, 11:40
44 Postings

Warnt vor Fehlinterpretation der Studienergebnisse durch "oberflächliche Datenanalyse"

Zwei Monate nach Bekanntwerden der ersten Details aus der Pisa-Studie über den Bildungsstand von 15-jährigen Schülern haben sich die Erkenntnisse daraus quasi verselbstständigt. Während praktisch jedes Argument in der Bildungsdiskussion mit dem pauschalen Hinweis auf "Pisa-Ergebnisse" besondere Bedeutung heischt, warnt der Wiener Statistikprofessor Erich Neuwirth davor, "aus der oberflächlichen Datenanalyse die falschen Schlüsse zu ziehen".

Schon ein einfacher Vergleich der ungewichteten Rohwerte zeige, dass die Ergebnisse von 15-jährigen österreichischen Schülern in der AHS-Oberstufe in allen getesteten Bereichen deutlich über denen des Pisa-Siegerlandes Finnland (wo es eine Einheitsschule gibt) liegen.

Dies sei nicht weiter verwunderlich, denn die AHS-Oberstufe erreichen nur jene im Alter von 15 Jahren, die in ihrer bisherigen Schulkarriere nie sitzen geblieben sind - die getesteten Schüler haben also entweder eine AHS-Unterstufe oder eine Hauptschule (mit Wechsel an eine Oberstufenform) in Bestzeit erfolgreich absolviert. Wer einmal sitzen geblieben ist, wird mit 15 ja als AHS-Unterstufenschüler getestet.

"So sehr ich persönlich dagegen bin, dass Schüler mit zehn Jahren für diese oder jene Schullaufbahn ausgewählt werden - die Pisa-Ergebnisse legen nicht den Schluss nahe, ausgerechnet bei der AHS mit Reformen anzusetzen", sagt Neuwirth.

Schon gar nicht dürfe man aus der Pisa-Studie den Schluss ziehen, dass Lehrer von der AHS-Unterstufe gemeinsam mit Hauptschullehrern an den Pädagogischen Akademien (künftig: Hochschulen) ausgebildet werden sollten, sagt Neuwirth: "Ansetzen müsste man in Problembereichen - bei Hauptschulen." AHS-Lehrer führten ihre Schüler ja zu höheren Punktezahlen; es läge näher, Hauptschullehrer wie AHS-Lehrer studieren zu lassen.

Gute Mittelstädte

Auffällig für den Statistiker ist auch die Verteilung der Lebenschancen nicht nur nach dem Schultyp, sondern auch danach, wo die jeweilige Schule steht. Die besten Punktezahlen erreichen AHS-Oberstufenschüler in Städten, die mehr als 100.000, aber weniger als eine Million Einwohner haben: In diesen Städten (Graz, Linz, Salzburg, Innsbruck) erreichen die Oberstufen-Gymnasiasten beim Lesen im Schnitt 595,2 Punkte, in Wien sind es nur 559,9. Auch an BHS und (allerdings auf dem deutlich niedrigeren Niveau von 445,2 gegenüber 379,9 Punkten) an Berufsschulen sind die Ergebnisse in den vier mittelgroßen Großstädten signifikant besser als in Wien.

(Conrad Seidl/DER STANDARD-Printausgabe, 1.2.2005)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Lesen, aber auch Mathematik beherrschen Schüler aus mittelgroßen Städten am besten

Share if you care.