Durch die Eisblume

11. Februar 2005, 17:06
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Die NZZ hat mit ihrem Hoch auf die schwarz-blaue Koalition vor allem die Schweiz im Visier - Von Chefredakteur Gerfried Sperl

Die Neue Zürcher Zeitung hat in ihrer Wochenendausgabe auf Seite eins in ungewöhnlich enthusiastischer Art das fünfjährige Jubiläum der schwarz-blauen Koalition gewürdigt: "Österreich - ein Erfolgsmodell" lautet der Titel. Sie hatte zu den wenigen international relevanten Blättern gehört, die sowohl den Regierungseintritt der FPÖ begrüßt als auch die Sanktionen der EU-Staaten scharf kritisiert hatten. Der Grund für diese Einschätzung wird auch jetzt wieder benannt: Große Koalition und Sozialpartnerschaft hätten "das Land blockiert".

Da ist Wahres dran. Ein weiterer Befund, dass sich auch Österreich von einem Bevormundungs- in einen Dienstleistungsstaat verwandeln solle, hat Gewicht. Der Reformdruck wuchs, das Kabinett Klima/Schüssel wusste kein Rezept.

Aber bis auf die Erwähnung der Abkehr vom Nulldefizit findet sich kein kritisches Wort. Nichts von den Umfärbungen, nichts von der Übernahme freiheitlicher Positionen durch die ÖVP, nichts vom Reformpfusch. Kurz: Alles Paletti?

Die ÖVP wird sich freuen. Kann sie ihren Kritikern doch das Urteil des freisinnigen Weltblattes unter die Nase halten. Die Objektiven dort, die subjektiven Nörgler hier.

Eines macht stutzig. Siebzig Zeilen des Kommentars sind der Koalition gewidmet, aber gut neunzig den Segnungen der EU und der Politik jener Regierungen, die zwar den EU-Beitritt geschafft, nach NZZ-Meinung jedoch "das Land blockiert haben". Was also? Nur Blockade die einen? Nur Fortschritt die anderen?

Ein Verdacht kommt auf. Der Text hat gar nicht so sehr Österreich im Blick, sondern das eigene Land im Visier. Die Schweiz brauche den EU-Beitritt, will man den Eidgenossen durch die Eisblume sagen. Dann könne auch sie wieder ein Erfolgsmodell werden. Wie der Musterknabe Österreich. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.2.2005)

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