Künstler, hysterisch schnatternd

23. Februar 2005, 13:12
4 Postings

Jetzt, wo das bedeutendste Jubiläum dieses Jahres bevorsteht, wo der Sinn des regierungsamtlich aufgegeilten Patriotismus ...

Jetzt, wo das bedeutendste Jubiläum dieses Jahres bevorsteht, wo der Sinn des regierungsamtlich aufgegeilten Patriotismus seiner Erfüllung entgegenstrebt, in dieser Woche, in der die Nation den 5. Jahrestag der Angelobung des Kabinetts Schüssel I begeht, darf es an Weihrauchschwaden von angemessener Dichte nicht fehlen. Die Fässchenschwinger stehen bereit, und "Die Presse" hat, im Eifer nur ja Erste zu sein, am Wochenende den Anfang gemacht. Ein schönes Beispiel von Pflichterfüllung.

Fünf Jahre Schwarz-Blau: Das Experiment ist gelungen, tirilierte der Chefredakteur im Leitartikel, was im Aufmacher des Blattes zum Thema Kinderbetreuung nur leicht abgeschwächt wurde: Bundeskanzler Schüssel warnt vor einer "sterbenden Gesellschaft". Nun wissen wir ja alle, dass der moribunde Zustand unserer Gesellschaft vor allem auf die langjährige Forderung der Sozialdemokraten nach Ganztags- und Gesamtschule zurückzuführen ist. Aber dass sich ihre Beschaffenheit in den fünf Jahren, in denen das Experiment gelingen durfte, so wenig gebessert haben soll, dass sich der Bundeskanzler zu einer - um es modisch neoliberal zu formulieren - Gewinnwarnung genötigt sieht, deckt sich nicht ohne weiteres mit Michael Fleischhackers Begeisterung.

Zu dessen Verteidigung muss man freilich anmerken, dass es ihm nicht um die Sache geht, sondern um die Neuauflage einer Auseinandersetzung, die er im selben Atemzug für längst überholt erklärt. Andernfalls müssten zum Beweis seiner Behauptung Beispiele experimentierenden Gelingens nur so aus ihm heraussprudeln. Doch was sprudelt? Gewiss, vieles (wie die Ambulanzgebühr und ein Teil der Privatisierungen) wurde auch dilettantisch angegangen, etliches (wie etwa die Uni-Reform) zu halbherzig umgesetzt, einiges (wie die Bildungspolitik) eher unstrukturiert verfolgt und manches (wie die Gesundheitsreform) komplett versemmelt. Immer wieder sorgte auch die Unwilligkeit der Regierenden, mit dem gemeinen Volk zu kommunizieren, für berechtigten Unmut.

Aber keine Angst, 1 Reform, in Worten eine, die sogar ein kritischer Geist wie er für gelungen hält, fällt ihm doch ein. Es wurden notwendige, aber unpopuläre Schritte gesetzt, vor allem im wichtigsten Thema dieser fünf Jahre, bei den Pensionen. Die Art, wie das Unpopuläre dieser Notwendigkeit auf die einzelnen Gruppen der Gesellschaft verteilt wurde, kann Fleischhackers Begeisterung für das Experiment nicht schmälern. Man kann ruhig darüber reden: Fünf Jahre Schwarz-Blau brachten Reformen, die in die richtige Richtung gehen, abgesehen nur von denen die dilettantisch angegangen, halbherzig umgesetzt, unstrukturiert verfolgt oder überhaupt komplett versemmelt wurden. Aber als Patriot im Schulterschluss kann man nicht alles haben.

Während der Chefredakteur der "Presse" ruhig darüber reden kann, sind es die Zweifler am Experiment, denen es an dieser Ruhe fehlt. Es war in der Tat größtenteils hysterisches Geschnatter, das man von Künstlern und Intellektuellen in den Februartagen des Jahres 2000 zu hören bekam. An dieser Einschätzung sind sie selber schuld. Wer sich selbst zur kapitolinischen Gans ernennt, zur Warnerin vor den Verderben bringenden Barbaren, der sollte sich nicht wundern, wenn man sein Geschnatter Geschnatter nennt.

Und wenn sie nur hysterisch geschnattert hätten! Der Schaden, den sie sich durch ihre Übertreibungen, ihre peinlichen Selbstüberhöhungen, insgesamt durch das Verkommenlassen ihrer hochtrabenden "Ästhetik des Widerstands" zum billigen Moralkitsch zugefügt haben, wird so schnell nicht repariert sein.

Das kommt, wenn man eine Koalition mit Jörg Haider nicht für ein gelungenes Experiment hält. Das vergisst ein selbst ernannter Richter über die Künstler und Intellektuellen denselben nicht so bald, daraus lassen sich noch Leitartikel bestreiten, wenn das Experiment längst gelaufen ist. Doch wie gerade in diesen Jubeltagen am Beispiel des Bundesheeres bewiesen, funktioniert es ja so prächtig, dass man mit der "Presse" ausrufen möchte: Gelungen!

Ein ganz ähnliches Verhältnis zu Künstlern und Intellektuellen findet sich hin und wieder in der "Kronen Zeitung". Dort schrieb am Sonntag der Franz Weinpolter aus Wien, auch ein regelmäßiger Beiträger:

Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek möchte nicht, dass ihr Konterfei auf einer Briefmarke der österreichischen Post erscheint. Dieser Entschluss würde die Schriftstellerin ehren, wenn er aus Bescheidenheit getroffen worden wäre. Aber, wie man die gute Frau Jelinek kennt, handelt es sich dabei sicher wieder nur um eine Retourkutsche auf das verhasste Österreich - hysterisches Geschnatter eben -, wo sich böse Kulturbanausen die Verunglimpfung ihres Landes von der linkslastigen Schreiberin nicht unwidersprochen gefallen lassen und wo der gedämpfte Jubel über ihren Nobelpreis das zarte Gemüt der Geehrten zutiefst verletzt haben dürfte.

Sprach Franz Weinpolter da Michael Fleischhacker aus der Seele? Oder doch wieder nur Hans Dichand? (DER STANDARD; Printausgabe, 1.2.2005)

Von Günter Traxler
Share if you care.