Ali Farka Touré: "Künstler sein heißt Lehrer sein"

4. Februar 2005, 12:27
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Konzert der zeitge­nössischen Vaterfigur des als Urform des afroamerikanischen Blues gehandelten "Desert Blues"

Der 65-Jährige aus dem westafrikanischen Mali gab in Brüssel eines seiner seltenen Konzerte. Notizen einer Begegnung.


Wien – Ali Farka Touré muss auf die Frage, was ihm denn im Leben wichtiger sei, seine mit einem Grammy geadelte Musik speziell für das vor zehn Jahren gemeinsam mit US-Gitarrist Ry Cooder eingespielte Album "Talking Timbuktu", oder sein Hauptberuf als Landwirt und Familienvater mit elf Kindern, nicht lange nach einer Antwort suchen: "In erster Linie bin ich Bauer. Man kann mit leerem Magen keine gute Musik machen!"

Nicht nur diese Aussage steht im krassen Widerspruch zu gängigen westlichen Rezeptionsmustern populärer Musik. Im Rahmen eines Pressegesprächs anlässlich seines ersten und für absehbare Zeit einzigen Europakonzerts seit fünf Jahren in Brüssel räumt der von seiner Londoner Plattenfirma World Circuit, die auch für den Welterfolg des kubanischen "Buena Vista Social Club" verantwortlich zeichnet, eher widerwillig eingeflogene Landwirt gehörig mit gängigen westlichen Denkmustern vom hungrigen und deshalb einzig wesentlichen Musiker auf.

Immerhin muss man dem 1939 im westafrikanischen Wüstenstaat Mali geborenen Gitarristen, Sänger und als Speerspitze des derzeit im Genre der "World Music" gefeierten Vater des "Desert Blues" seit spätestens zwei Jahren nicht nur als genialischem Musiker begegnen. Er adaptierte die traditionelle Musik seiner Heimat in den späten 60er-Jahren von ein- oder viersaitigen lokalen Ins^trumenten wie der Jurukele oder der N'goni für die "artfremde" sechssaitige Gitarre – was ihm den zweifelhaften und heute von ihm abgelehn 3. Spalte ten Ruf als "John Lee Hooker aus Afrika" eintrug.

Ali Farka Touré ist mittlerweile auch Politiker. Er wurde 2003 "on public demand" ganz ohne Wahlkampf zum Bürgermeister seiner zwanzigtausendköpfigen Heimatstadt Niafunke am Rand der Sahara am Fluss Niger berufen.

Dort ringt er der kargen Natur jetzt also nicht nur Getreide und Gemüse ab und fördert junge Talente wie Afel Bocoum oder den nach Brüssel mitgekommenen fantastischen, eine 21-saitige Laute namens Kora spielenden "Ziehsohn" Toumani Diabaté: "Ich helfe gerne jungen Menschen mit Rat und Tat. Wenn man einem Sohn aber einmal eine Frau zum Weibe gegeben hat, sollte man sich nicht länger einmischen. Es ist dann seine Sache, was zwischen ihnen in ihrer Hütte geschieht." In seinem Heimatland dient die sonst unabdingbare Zugehörigkeit zur bei Geburt definierten und seit Jahrhunderten weitervererbten Kaste der so genannten Griots, der die Geschicke und die Mythen seines Volkes mündlich überliefernden Geschichtenerzähler, für ihn als Autodidakten immer auch einzig einem Zweck: Ali Farka Touré will mit seiner Musik nicht ausschließlich unterhalten.

Blues aus der Wüste

"Meine Lieder handeln von Geschichte, Tradition, Landwirtschaft, Arbeit, Liebe, Spiritualität, meinem muslimischen Glauben und dem Fischen. Und sie handeln davon, wie man mit seiner Rolle als Musiker verantwortlich umgeht. Meine Songs handeln von Erziehung. Künstler sein heißt Lehrer sein."

Was hier auch live während eines mitreißenden Konzerts von ihm an einer räudigen, dem modalen Charakter der Musik Malis verpflichteten elektrischen Gitarre bei Stücken im Zeichen von aus Amerika wieder heimgeholten "Blue Notes" geboten wird, die er gemeinsam mit einem zweiten Gitarristen und einem traditionell instrumentierten Ensemble von zwei Perkussionisten und zwei N'goni-Spielern zum Besten gibt, ist tatsächlich einzigartig.

Musik aus einem Paralleluniversum, das äußere Einflüsse wie den Blues anerkennt, obwohl Touré gleichzeitig entscheidende und für unsere Ohren möglicherweise problematische Abstriche macht: "So ein Wort wie Blues existiert in meiner Heimat nicht! Blues ist ein Begriff, bei dem man in Mali eher den Arzt holen würde. Ich beschreibe das Leben, nicht das Leiden daran. Es gibt für mich auch keine ,Afroamerikaner‘, sondern nur in Amerika leben müssende Afrikaner. Sie sind vom Baum des Lebens abgefallene Blätter, die ihrer Wurzeln verlustig gegangen sind. Sie kennen nicht die Namen ihrer Väter und Urväter! Alles, was ich von diesen Leuten höre, ist Wehklage über Entfremdung, Schmerz, Identitätsverlust. In unserer Realität sind sie Aliens. So traurig es ist, ich habe nichts mit ihnen zu tun."

Auch über die politisch akuten, ethnisch bedingt mannigfaltigen inneren Probleme seines durchaus nicht wirklich demokratisch regierten Heimatlandes und die Rolle des Westens bei der Entwicklungshilfe – Stichworte: fehlende Perspektiven, Korruption, fehlender Wille zur Verantwortung seitens der Regierung gegenüber ihrem Volk – mag sich Ali Farka Touré nicht wirklich konkret äußern:

"Ein Sprichwort bei uns lautet: Wenn man einen Skorpion in den Mund nimmt, sollte man Acht geben, was man mit seiner Zunge anstellt. Ein anderes: Wenn ein Blinder seinem Führer den Weg weist, darf er sich nicht beschweren, wenn er in ein Loch fällt. Du kannst in Mali aber frei reisen, schlafen, wo du willst – und manchmal wirst du dort auch von Ameisen gebissen werden." Im Übrigen gelte immer noch das alte Gebot: "Traktoren statt Waffen!"

Seine für westliche Ohren aus dem Nirgendwo kommende Musik zwischen Archaik und Moderne jedenfalls, die neben den Wiederveröffentlichungen seiner frühen Platten "Red" und "Green" (Vertrieb: Lotus) heuer ein neues Album sowie eine Duoarbeit mit Toumani Diabaté in unsere Breiten tragen wird, sie stehe auch für eines: Der politische Kampf gegen "mangelnde Würde und fehlenden Patriotismus" wird fortgesetzt. (DER STANDARD, Printausgabe, 01.02.2005)

Von
Christian Schachinger
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