Ohrwaschelbefreiung

14. Februar 2005, 10:33
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Es war das letzte Mal, dass hier einer am Gehsteig parken würde und den EinbiegerInnen die Sicht nahm...

Es war vergangene Woche. Von unserem Wohnzimmerfenster aus sahen wir den Monteuren zu, wie sie unten auf der Straße Löcher bohrten. Auf der Ladefläche ihres Wagens lagen die Poller. Bereit, dort wo schon seit Wochen gelbe Punkte auf dem Ohrwaschel angezeigt hatten, dass da irgendetwas kommen würde, eingesetzt zu werden. Wir mussten grinsen: Der Wagen der Monteure stand auf dem Gehsteig. Genau dort, wo immer die Lieferwägen gestanden hatten. Aber diesmal, nickte uns auch der Nachbar von gegenüber zu, war das schon in Ordnung. Schließlich war es das letzte Mal, dass hier einer am Gehsteig parken würde und denen, die aus der kleinen Seitengasse in die Hauptverkehrsstraße biegen wollten, die Sicht nahm. Das hatte nicht nur uns, sondern auch etliche andere Leute hier geärgert –­ schließlich war das Ohrwaschel ja errichtet worden, weil es hier ­fast täglich zu Beinahe-Unfällen und auch tatsächlich zu Unfällen gekommen war.

Selbstverständlich Nur: den Büropostgroßversender, der hier am Eck seinen Shop betrieb, hatte das nie irritiert. Seine Lieferanten und Kunden hatten mit der allergrößten Selbstverständlichkeit am Gehsteig geparkt. Wies man sie auf den Unterschied zwischen Ladezonen und Gehsteigen hin, erklärten sie, vom Postversender die Erlaubnis zu haben, hier zu parken. Und auch wenn man ihn direkt darauf ansprach, erklärte der, dass er es für das Recht des Wirtschaftstreibenden halte, manche Regeln zu brechen.

Plauderei

Manchmal plauderten wir darüber mit der Bezirksvorsteherin. Die seufzte: Ja auch ihr habe der Mann erklärt, dass er nicht daran denke, seine Lieferanten vom Gehsteigparken abzuhalten. Sollte man ihm den Parkplatz nehmen, würde sein Betrieb abwandern. Das würde, habe er laut Bezirksvorsteherin gedroht, sechs Arbeitslose bringen. Dazu, sich um die Genehmigung einer eigenen Ladezone zu bemühen, habe er sich nicht überreden lassen.

Beinahe-Unfall

Irgendwann vor Weihnachten dürfte es dann gereicht haben. Angeblich, erzählt man sich im Beisl am Eck, soll bei einem Beinahe-Unfall ein Kinderwagen am Zebrastreifen umgekippt sein. Jedenfalls waren plötzlich gelbe Punkte am Asphalt -­ und aus denen wuchsen dann tatsächlich Poller. Der Mann mit der Versandfirma stand während der Bauarbeiten die ganze Zeit hinter der Tür, sah den Arbeitern zu und telefonierte. Er wirkte wütend.

Ob sie wisse, wer nach dem Versandbetrieb hier einziehen würde, fragten wir vor ein paar Tagen die Bezirksvorsteherin. Die lachte: Die Wegziehdrohung habe der Großversender in den letzten Wochen nie wiederholt. Im Gegenteil: Er habe -­ als die gelben Punkte aufgemalt wurden – sofort um eine Ladezone angesucht. Und die bekäme er auch. Vielleicht, meinte die Bezirksvorsteherin, habe die banale Begebenheit ja sogar eine Moral: Man ­- also eigentlich sie selbst, die Politiker - sollte sich vor wüsten Drohungen nicht ganz so leicht ins Bockshorn jagen lassen.

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