Blog-Attack! Internet und moderner Journalismus

18. Februar 2005, 13:53
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Das unabhängige oder eher unregulierte Internet verändert den herkömmlichen Journalismus

Am 10. Oktober 1999, einem Wahlsonntag in Österreich, veröffentlichte der "Kurier" auf seiner Website am späteren Nachmittag inoffizielle Hochrechnungen. Danach sah es so aus, als würde das Liberale Forum mit seiner Chefin Heide Schmidt knapp nicht mehr ins Parlament kommen. Heide Schmidt argumentierte nachher, das hätte sie tatsächlich das notwendige Grundmandat gekostet, weil besonders potenzielle Wähler des Liberalen Forums – jüngere urbane Angehörige der Bildungsschicht mit Zugang zum Internet – nach einem Blick auf die Prognosen im "Kurier" ihre Stimme nicht mehr "wegwerfen" wollten.

Am 2. November 2004, dem Tag der Präsidentenwahlen in den USA, veröffentlichten diverse Websites wie Slate, der Drudge Report und jede Menge von politischen "Bloggern" laufend Hochrechnungen aus Exit-Polls (Wählerbefragungen nach dem Wahlgang), die sie sich aus dem Umfeld der politischen Parteien und Umfrageinstitute besorgt hatten. Ergebnis: ein klarer Trend in Richtung Kerry in jenen "battleground states", die einer der beiden Kandidaten unbedingt gewinnen musste, um Präsident zu werden. Slate machte mit einem strahlenden Kerry und der Schlagzeile auf, Bush könnte es vielleicht doch gerade noch schaffen. Hat das die Wahl beeinflusst? Unmöglich zu sagen. Ob nun die Kerry-Sympathisanten noch mehr zu den Urnen stürmten oder beruhigt zu Hause blieben, ob sich die Bush-Maschinerie durch die Werte veranlasst sah, ihre "get the vote out"-Anstrengungen zu verdoppeln – niemand weiß es. Dass der vermeintliche Trend zu Kerry aber ein paar Leute beeinflusst hat, lässt sich aus dem Absinken der Börsenkurse während des Tages schließen. Die Börsen lieben Bush mehr als Kerry. Klar ist, dass die Websites einen enormen Zuwachs an Zugriffen hatten. Der rechtspopulistische Drudge Report schaffte mit 36 Millionen Zugriffen ("Visits") einen absoluten Rekord.

Klar ist aber auch, dass die Exit-Polls haarsträubend falsch lagen, weil Bush in keiner Minute in Gefahr war zu verlieren. Zeigte irgendjemand Reue? In der Online Journalism Review wird ein linker Blogger und politischer Konsulent zitiert: "Wenn jemand sagt, ich sei verantwortungslos, dann sage ich nur: 'screw you'. Ich sage, das war zu Unterhaltungszwecken." Wird das die Attraktivität der politischen Websites und Blogger vermindern? Kurzfristig vielleicht, langfristig rechnen die Blogger damit, dass die Mainstream- Medien bei der nächsten Wahl auf ihren Websites ebenfalls Hochrechnungen aus Exit-Polls veröffentlichen werden (ein Sprecher der "Washington Post" erklärte das für unmöglich). Diesmal hatten sich jedoch einzelne "mainstream media" so beholfen, dass sie über das Phänomen der Online-Exit-Polls berichteten.

Kein Zweifel, das unabhängige oder eher unregulierte Internet verändert den herkömmlichen Journalismus (in Print und in den Onlineausgaben der Zeitungen). Zunächst werden Recherchen viel leichter und erstrecken sich auf ein viel größeres Feld: Der Kommentator oder Glossenschreiber braucht ein klassisches Zitat oder auch eine Textstelle aus einem Bob-Dylan-Song? Kurz gegoogelt und das Gewünschte ist da – ohne langes Lexikonblättern. Wichtiger noch ist der Zugang zu unendlichen Websites von Institutionen wie etwa der EU mit Tonnen von Kontakten, Daten und Links. Außenpolitische Redakteure erweitern ihren Horizont, indem sie die englischsprachigen Ausgaben russischer, israelischer, arabischer usw. Zeitungen und Magazine aufrufen, die sie sonst im Leben nicht erhalten (oder rechtzeitig erhalten) hätten. Zusätzlich existieren Websites, die Medien aus schwer zugänglichen, aber hochwichtigen Bereichen übersetzen (selbstverständlich mit einer politischen Absicht – memri übersetzt aus arabischen Zeitungen, site macht ein Monitoring der Websites der radikalen Muslime), aber immerhin. Es sind Quellen, die man nutzen kann, wenn auch mit der für einen Journalisten notwendigen Distanz. Aber was ist mit den nicht-journalistischen Nutzern solcher Websites, die nicht über die notwendige Einschätzungskapazität verfügen? Die werden zu oft gutgläubigen Opfern von Desinformation.

"Quasijournalismus"

Nach 9/11 brauste eine Flut von Verschwörungstheorien und Desinformation durch das weltweite Netz. Ein guter Teil davon wollte nachweisen, dass die "klassischen Medien" selbst Desinformation betreiben. Relativ berühmt wurde der Fall von "Silvio". Ein Poster dieses Namens erzählte auf der globalisierungskritischen und "antiimperialistischen" Website Indymedia (der Name als Programm), seine Dozentin an der Universität von São Paulo habe Beweise, dass CNN alte Videos von jubelnden Palästinensern verwendet habe, um zu unterstellen, diese hätten Freudentänze angesichts von 9/11 aufgeführt. Die "Meldung" verselbstständigte sich und raste durch die einschlägige "world community". Engagierte Aktivisten verschickten E-Mail-Kettenbriefe (auch an Journalisten). Zwei Journalistenkollegen sprachen mich darauf an: Da sehe man es, auch CNN sei ein Propagandawerkzeug. Kurz darauf meldete sich "Silvio" auf Indymedia. Seine Dozentin habe die Beweise (alte Bänder) nicht produzieren können, es tue ihm Leid. Aber Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende weltweit hatten es geglaubt (und etliche glauben es weiter).

"Bürgerjournalismus"

Wir erleben also erstens die Entstehung eines "Quasijournalismus" im Net, wo sich nicht journalistische oder eben quasijournalistische Institutionen etablieren, die eine breite Palette von Inhalten produzieren, die in den etablierten, seriösen Medien so nicht vorkommen (können): Klatsch und Tratsch, Polemik, unüberprüfte Gerüchte, politische und wirtschaftliche Daten mit unklarer Herkunft, manchmal ausgesprochene Desinformation. Das ist oft amüsant, manchmal ethisch bedenklich und jedenfalls (noch) ohne etablierte journalistische Standards wie Fact-Checking, ordentliche Zitatzuschreibung, allgemeine journalistische Ethik und sprachliche Mindestanforderungen. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Wir reden hier von unabhängigen Websites und Bloggern, nicht von den Websites seriöser Zeitungen wie etwa derStandard.at. Hier handelt es sich um Journalismus der freien Form, um "Bürgerjournalismus" und, oft genug, um ausgesprochene Kampforgane. Die "traditionellen" Onlineredaktionen sind genauso verpflichtet, sich an journalistische Qualitätsstandards zu halten wie die Mitarbeiter der Print-Ausgaben. Ein wichtiger Unterschied zu den Zeitungsredaktionen besteht allerdings in den Leserreaktionen: Während der traditionelle Leserbrief (auch per E-Mail) zumindest eine, oft mehrere Kontrollstationen passieren muss, um veröffentlicht zu werden, haben die Postings auf den Websites eine viel größere Unmittelbarkeit und werden oft erst nach einer gewissen Zeitspanne einer redaktionellen Überprüfung unterzogen.

Journalismus ist ein Fulltimejob

Zweitens kommen die etablierten Medien oft nicht umhin, die Realitäten, die vom Wildwuchs der "freien" (oft geradezu freibeuterischen) Websites geschaffen werden, in ihre Berichterstattung zu inkorporieren. So handgestrickt, vorurteilsbeladen und unverantwortlich viele von ihnen wirken, haben sie doch gelegentlich einen journalistisch-politischen "impact", den die Mainstream-Medien so nicht bieten. Die Monica-Lewinsky-Affäre wurde durch den Drudge Report ins Rollen gebracht. Matt Drudge machte übrigens eine ganze Philosophie aus der Umgehung der traditionellen Medien: "Wir treten in eine Ära der Bürgerpresse ein, wo jeder ein Reporter wird und das Recht hat, zu berichten, nicht nur 'legitime' Nachrichtenorganisationen." Das klingt ungemein basisdemokratisch, die Vorstellung, jeder Anhänger einer Weltverschwörungstheorie mit Flackerblick werde nun zum "Reporter" ist allerdings erschreckend (wenngleich teilweise schon Realität). Nur: Es wird so nicht passieren. Journalismus ist ein Fulltimejob mit bestimmten Anforderungen und selbst der wildeste Pyjama-Polemiker, der von zu Hause die Welt verändern oder gar retten will, muss irgendwann einmal Geld verdienen (und hat, besonders in den USA, mit teuren Klagen zu rechnen). Was allerdings bleiben wird, sind halbprofessionelle, zum Teil durch Spenden von Sympathisanten erhaltene Weblogs mit politisch-wirtschaftlichem Interessenhintergrund.

Zwei solcher Sites, rathergate.com und freerepublic.com, gelang allerdings im US-Wahlkampf ein nahezu vernichtender Schlag gegen eine Ikone der traditionellen Medien: Dan Rather, Anchorman bei CBS, seit Jahrzehnten der Inbegriff der Seriosität, hatte eine Story mit Details darüber gebracht, wie sich George W. Bush vor dreißig Jahren nicht nur vor dem Vietnamkrieg, sondern auch weit gehend vor seiner Dienstpflicht bei der National Guard gedrückt hatte. Das Teuflische ist, dass Bush zwar mit Sicherheit seinen Dienst höchst unvollständig wahrgenommen hatte, dass aber Dokumente, die das (noch zusätzlich) belegen sollten, gefälscht waren.

Da nutzt es nichts, dass hinter rathergate.com und freerepublic Aktivisten der Republikaner stecken. Die traditionellen Medien mussten über die Fälschung und den Schlag für Dan Rathers Glaubwürdigkeit berichten. Wobei die Mainstream-Medien von zwei (Web-)Seiten, von ziemlich weit rechts und von ziemlich weit links, unter Beschuss kommen. Für fanatische Neokonservative und Rechtsradikale gelten sie als zu linksliberal, für linksalternative Globalisierungskritiker, "Antiimperialisten" und Dritte-Welt-Befreier als Handlanger des kapitalistischen Establishments. Ihr Monopol auf Berichterstattung wird weiter attackiert werden. Was wird geschehen? Die beiden journalistischen Formen werden sich einander annähern. Die wilden Blogger werden sich bis zu einem gewissen Grad professionalisieren, einige werden dann von traditionellen Medien gekauft werden, die glauben, so an ein neues Publikum herankommen zu können. Viele "Wilde" werden verschwinden, andere werden auftauchen.

Die traditionellen Medien werden vermehrt Inhalte der Blogger aufgreifen, nachrecherchieren, widerlegen oder bestätigen, jedenfalls veredeln. Die freien Websites werden Leser abziehen (vielleicht eher von Boulevardmedien wie der "Krone" als von den Qualitätszeitungen, besonders wenn jemand, vielleicht jemand namens Fellner, ein Print-Tabloid auf überzeugende Weise mit einer spannenden Website kombiniert). Aber sie werden Print nicht ersetzen. Das Fernsehen hat die Tageszeitungen nicht verdrängt. Die Zeitungen bilden im Gegenteil das reflektierende, kritisierende, vertiefende Komplementärmedium. In den Zeitungen entscheidet sich, welcher Politiker das TV-Duell "gewonnen" hat.

Die Schnelligkeit und die Möglichkeit, wirklich alles "hineinstellen" zu können (auch Kopfabschneiden durch Terroristen), ist die USP (d.h. das "Alleinstellungsmerkmal") des Internets. Aber gerade der Wust an ungeordneten, tendenziösen, oft schlecht recherchierten "Inhalten" erfordert professionelle Bearbeiter und Sinngeber. Das können nur die traditionellen Medien sein, im Print wie auch online.

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