Vom Feigenblatt zum Mainstream

25. Februar 2005, 20:54
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Am "Investment Ethik-Tag 2005" diskutierten Experten aus Finanzwirtschaft und Sozialbereichen über ethische Fragen und die Nachhaltigkeit bei der Kapitalanlage

Wien - Der Trend zur ethischen Geldanlage hält unvermindert an. Banken, Fondsmanager, Anlageberater und Finanzexperten reagieren darauf und bieten zunehmend Portfolios an, die den Anlegern nicht nur ein gutes Gewissen, sondern auch gute Renditen bescheren sollen.

Die Wiener Privatbank Gutmann lud dieser Tage erstmals zum "Investment Ethik-Tag 2005", um in einer Expertenrunde Fragen zu Ethik, Nachhaltigkeit, Geldanlage, Spiritualität, Wirtschaft und Aufgaben einer Ethikkommission zu erläutern.

Anton Fink, Vorstand der Bank Gutmann, sagte in seiner Begrüßungsrede: "Für viele war Ethik ein Feigenblatt, doch mittlerweile ist sie Mainstream. Man kommt immer mehr drauf, dass ethisches Handeln zum Unternehmenserfolg beiträgt."

Globale Gerechtigkeit

Der Direktor des Religionspädagogischen Institutes Wien, Johann Hisch, vertrat die Ansicht, dass im Sinne einer Verantwortung den nächsten Generationen gegenüber eine Mäßigung angebracht sei, und trat für globale Gerechtigkeit ein. "Wir müssen verantwortlich agieren", sagte Hisch. "Der Irrsinn des Lebens kommt manchmal heraus, wenn Geld das Wichtigste ist."

Auch Bernd Lötsch, Generaldirektor des Naturhistorischen Museums in Wien, sah den Kapitalmarkt und das Streben nach Gewinnmaximierung kritisch. "Wo Geld profitabel angelegt wird, passiert immer etwas ökologisch Schädliches", meinte er. "Naturreserven werden verbraucht, Plantagen angelegt, der Planet geplündert."

Gute Performance

Naturgemäß anders stand die Investmentberaterin Elisabeth Höller zur Thematik. "Ethik ist uns wichtig, aber auch die Performance", sagte die renommierte Finanzexpertin. "Asset Allocation geht vor Ethikkriterien." Aber, so meinte Höller, der Trend gehe in Richtung größerer Sensibilisierung und irgendwann seien Ethikfonds vielleicht obligatorisch.

Sie selbst bietet seit Jahren mit dem Prime Value Mix einen Mischfonds an, der auf ethische Kriterien bei der Geldanlage Wert legt. Allerdings, so räumte Höller ein, gebe es "keine Liste mit dauerhaften, vollständigen ethischen Kriterien".

Finanzwirtschaftliche Ansatz nicht relevant

Helmut Pernsteiner, Mitglied der Ethikkommission, erläuterte in seinem Vortrag die Arbeit der Ethikkommission. Dabei sei der finanzwirtschaftliche Ansatz nicht relevant, sondern eine Ethikanalyse, die sich mit den zu bewertenden Firmen intensiv auseinander setzt und diese durchleuchtet.

Bei der Zusammensetzung einer Ethikkommission werde auf die Vielfalt der Mitglieder geachtet; so seien Finanzwirte, Umwelt-, Medizin- und Wirtschaftsethiker ebenso vertreten wie Finanzmanager.

Als Ausschlussgründe reiner Ethikfonds gelten Menschenrechtsverletzungen, Kinderarbeit, Drogen- und Menschenhandel, Prostitution, Nuklearenergie, Waffen-und Militärtechnologie sowie Tabak, Alkohol, Glücksspiele.

Jobabbau als Teil des Wirtschaftslebens

Auf die Frage, ob Firmen, die tausende Arbeitsplätze abbauen, ethisch handeln, sagte Pernsteiner: "Es kommt darauf an, wie es passiert, denn das ist Teil des Wirtschaftslebens. Nur wenn Leute einfach abgeschossen werden, wäre es ein Ausschlusskriterium."

Für Ex-Caritas-Präsident Helmut Schüller bedeutet Ethik eine "Gewissensperformance, die zu uralten Prinzipien zurückführt". Und sie sei auch eine Suche nach dem richtigen Kompromiss, nach der Sehnsucht, das Richtige zu tun.

"Ethik", sagte Schüller, "ist immer etwas Beunruhigendes und soll wach halten. Sie ist die Anwendung des Menschseins." (Barbara Forstner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.01.2005)

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