Die Nanoplastiker im Mythengewand

4. Februar 2005, 12:47
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Was bleibt übrig, wenn alle Lebensentwürfe zerrinnen? Botho Strauß' Stück "Die eine und die andere" am Münchner Residenztheater - wunderbar leichtfüßig

Botho Strauß' Stück "Die eine und die andere" wurde am Münchner Residenztheater von Dieter Dorn wunderbar leichtfüßig uraufgeführt: Was bleibt übrig, wenn alle Lebensentwürfe zerrinnen? Es brillieren Schauspielerinnen wie Cornelia Froboess und Gisela Stein.


München - Botho Strauß' fantasieverbrämtes Stück Die eine und die andere ist die bewegende Umschrift eines Gesellschaftsvertrages, der das vergilbte Papier nicht wert ist, auf dem die Pflicht zum sozialen Miteinander, zum Liebhaben und toleranten Missverstehen, geschrieben steht.

Strauß presst den liberalen Verhaltensvorschriften das Unrecht aus: Eine Gesellschaft des Umbruchs verfestigt sich im Ruheraum der Agonie. Strauß setzt die Alten - die ehemals "Handelnden" der liberaldemokratischen Umwälzungen von und nach '68 - gegen die sexuell Enthaltsamen, die Hungrigen, Wunderlichen, Leistungsabholden von heute. Er gebraucht dabei den sanften Würgegriff des Mitfühlenden, des bis in die Urgründe hinab Mitleidenden. Des Verzärtelungskünstlers, den Dieter Dorn in seiner libellenleichten Uraufführungsinszenierung wie ein Tagpfauenauge an die Feuermauer des Münchner Residenztheaters spießt.

Denn Strauß schneidet aus dem zirka zweieinhalbtausendjährigen Stoff der rasenden, bis ins Mark erschütterten Frauen - von Klytämnestra über Medea hin zu den großen Betrogenen, der Orsina oder der Eboli - zwei durchlässige, auch gehässige Umrisse.

Die beiden 60-Jährigen Insa (Cornelia Froboess) und Lissie (Gisela Stein) finden nach unzähligen Scharmützeln um die Gunst eines mittlerweile an der Peripherie des Stadtlebens gestrandeten Liebhabers in einem Gutshaus im Oderbruch zusammen. Dort unterhält Erstere eine verarmte Frühstückspension, päppelt ihre wunderliche Tochter Elaine (Juliane Köhler) in eine lebenslange Unmündigkeit hinüber und träumt von einer finalen erotischen Erschütterung, die sie aus dem Lügen, Dämmern, Träumen des frühen Lebensabends herausreißen könnte.


In die Couch gekrallt

Zunächst aber krallt sich die Froboess wie eine Megäre an ihre Lebenscouch. Kippt sich mithilfe von Weißwein und eines im Stillstand rasenden Lebenszynismus in eine prächtige Unterdrückungslaune, die sie der Tochter, der schmerzsüchtigen "Füchsin" Elaine mit Geheimverbindung zur Geisterwelt, rau schnatternd angedeihen lässt.

Das Weinglas in der Hand, den ekelmahlenden Mund zu schimpflichen Avancen gespitzt, behält die Froboess Titanias Zauberstab in der Hand - und rettet sich in das Überlebensfach der komischen Alten mit einem Kopfsprung hinüber. Und wird doch von ihrer Lebensfeindin Lissie ausgestochen.

Die Stein trägt das zur Kreide erstarrte Modehaar der agilen Gesellschaftsmarderin, die mit der erotischen Kampfkraft der passionierten Geflügeldiebin in die Hühnerschläge der Freizeitgesellschaft hinübertrippelt. Sie quartiert sich in dem mit Klappkulissen angedeuteten Quarantänelager Insas (Bühne: Jürgen Rose) ein. Man hat sie als Rundfunkredakteurin gefeuert. Strauß' Stück ist eine Luftspiegelung - in den Niederungen der postindustriellen Welt sicher verankert. Es erzählt, mythisch verrätselt, vom Absterben der Lebensentwürfe - von Flexibilisierungen, die am Seelen-und Gemütszeug flicken.
Elaine lernt ohne eigenes Zutun ihren Halbbruder Timm (Jens Harzer) anlässlich einer Wühltischschlacht in den Ausverkaufswochen kennen: einen Industrieausfahrer mit dem Wunsch nach einer Ausbildung zum Logopäden. Harzer, der in seinem Stangenanzug steckt wie ein verkrümmter, verkümmerter Schürhaken, bestaunt mit näselndem Eifer die lange Fee - das Echo auf all jene Musen und Nymphen, die Strauß' Asphaltbetrachtungen mythologisch erhöhen.
Was für ein Fest aber auch der Schauspielkunst: Strauß' Dialogwitz gipfelt im Besuch eines Zukunftsmuseums, in dessen Schausenken und Bodenvitrinen der Plunder zerronnener Zukunftshoffnungen aufliegt. Nanoplastische Chirurgie hätte aus Augenlidern wahre Zugseile gemacht! Aber sind nicht auch die ernsthafteren Utopien zu Schlacke geronnen? Während Insa/Froboess mit ruinöser Agilität ihr Leben neu zu ordnen trachtet, schnappt ihr Lissie/Stein zum wiederholten Male den Mann weg. Die Halbgeschwister ordnen ihre Beziehung zur postsexuellen Erlebnisgemeinschaft um. Es bleibt nichts heil. Aber im Detail, im Augenaufschlag, im Wortdolchstoß, wird das entwertete Leben ertragbar.
Jubel für ein Saisonjuwel. (DER STANDARD, Printausgabe vom 31.1.2004)

Von
Ronald Pohl
  • Unterm Joch der neonerleuchteten Zeiten schimpft es sich gut: Eine "alte" Tante macht einen auf Rambo - Gisela Stein (li.) mit "Küken" Juliane Köhler.
    foto: bayerisches staatsschauspiel

    Unterm Joch der neonerleuchteten Zeiten schimpft es sich gut: Eine "alte" Tante macht einen auf Rambo - Gisela Stein (li.) mit "Küken" Juliane Köhler.

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