Karrierewege zum Märtyrer

4. Februar 2005, 12:36
3 Postings

Das Kunsthaus Bregenz zeigt die wunderbare Welt der englischen Gebrüder Jake und Dinos Chapman

Das Kunsthaus Bregenz zeigt die wunderbare Welt der englischen Gebrüder Jake und Dinos Chapman. Die wurden über Nacht bekannt dafür, Kultur zu plündern, um aus den Beutestücken radikale Kritik zu basteln. Sie fahren fort damit - und haben Spaß daran.


Bregenz - Die Gebrüder Chapman haben in Vorarlberg jede freie Minute mit Rodeln verbracht; wenn man so will, ein Ausgleichssport. Beruflich machen die beiden, womit unzählige konventionell Werktätige ihre Freizeit verbringen: Sie surfen auf Websites wie rotten.com nach Bildern in Fleischwölfe geratener Knabenhände, Belegen letal missglückter Autoerotikpraktiken, nach detailreichen Schnappschüssen von blutigen Initiationsriten oder scharfen Innenaufnahmen aus in Schmerz verkrampften Buben-Ani. Man findet sie auch in den Archiven anatomischer Institute, in Prosekturen und Sezierstuben, in Pornoläden und Museen.

Oder einfach nur dabei, im Fernsehen zu verfolgen, wie feingliedrige Chirurgenhände aus Provinztrampeln High-End-Luder schnitzen. Zudem sind die Chapmans fleißige Kirchgänger und ausgesprochen bibelfest. Sie wissen, was das Christentum an Grausamkeit gebiert, sie wissen um die Lust, die Folter im Namen des Herren ins rechte Licht gesetzt zu sehen, den schmerzensreichen Karriereweg zum Märtyrer delikat in Öl gefasst zu bestaunen.

Sie wissen um den Kitzeleffekt im Schritt, der sich anstellt, wenn man annähernd live dabei ist, wie der Agathe die Brüste abgeschnitten werden oder die eben geköpften Geschwister Felix und Regula ihre Köpfe selbst zu Grabe tragen. Und ganz bestimmt auch kennen die Gebrüder Chapman die ebenso delikat aufgebahrten, wie pittoresk geschmückten Leiber diverser Heiliger in den Nebenaltären der großen und kleinen Gotteshäuser: den kinderlieben Don Bosco in der Salesianerkirche in Turin, die hellsichtige Bernadette in der Klosterkirche Saint-Gildard in Nevers, die kleine Theresia in der Kathedrale von Lisieux, der zeitlebens alles als Gnade erschien.

Verbesserte Goyas

Selbstverständlich ist den Chapmans auch Goyas Grafikzyklus Los Desastres de la Guerra nicht entgangen. Bloß erschien er den beiden verbesserungswürdig, nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit. Und so haben sie einen Originalsatz der Blätter erworben, und - wie man in Österreich sagt - übermalt. Und jetzt haben die so fantasievoll geschundenen Leiber eben Clownmasken und Mickey-Mouse-Ohren, ob interessanter Gendefekte dekorativ angeschwollene Schädel oder Kindchenschema-gerechte Glupschaugen.

Nach dem Update durch die Doktoren Jake und Dinos Chapman sind Goyas tragische Helden nun endlich bereit, im siebten Teil des Deutschen Kettensägenmassakers eine Hauptrolle zu übernehmen. Dem nicht genug, ist es den Chapmans endlich gelungen, die großartigen Folter-, Mord- und Totschlagpornos aus der Zeit der Besatzung Spaniens durch Napoleon in die dritte Dimension zu holen.

In Bronze gegossen, aller Grate bereinigt und super lebensecht bemalt, lassen sich die pädagogisch wertvoll auf Baumstümpfe drapierten Körperteile nun rundum betrachten. Freilich ist es schon ziemlich lang her seit dem frühen 19. Jahrhundert, und also findet sich allerhand niedriges Tier an und in den hingestreckten Leichen: Fliegen legen ihre Eier ab, Maden bauen nagend der kommenden Enthaltsamkeit als Puppe vor, Schnecken und Spinnen, Käfer und Riesenlarven aus dem reichen Katalog der Scherz-und Schreckartikelindustrie besetzen die Torsi wie Edelsteine die Skelette gläsern eingesargter Heiliger.

Die handgearbeiteten Skulpturen zur erbaulichen Erregung heißen Sex I und Sex II. Ihre ebenfalls grellbunt lackierten bronzenen Pendants heißen Death I und Death II, zeigen leicht denaturierten Sex und machen so die ganze Ausstellung einfach zum Nachdenken: Leben, Tod, Kreislauf, Lust, Gewalt, Schmerz, Gier, Strafe ...

In den Todesszenen finden sich jeweils eine männliche und eine weibliche Plastikpuppe, wie sie, kennt man die Verkaufszahlen, gar nicht selten in diversen Haushalten vorkommen, in der beliebten Stellung 69 innig verbunden. Sie praktizieren diesen gemeinen Akt der Samenverschwendung auf quietschbunten Luftmatratzen, und dem nicht genug, lädt der empfangsbereite Anus der oben liegenden Frau den Betrachter zur Teilnahme - an einem Akt, dessen reproduktionsverweigernde Grundhaltung sich zugleich gegen die Lehren von Kirche wie Kapital richtet.

Lange Zeit vermehrt hingegen haben sich die Dinosaurier. Ausgestorben sind sie trotzdem. Fast. Jake und Dinos haben einen ganzen Jurassic-Park davon nachgebaut. Mit Schere, Klebstoff und Papier naive Modelle hergestellt, um "den Christen die Dinosaurier zu erklären". Etwa die Tatsache, dass Fossilien, "indem sie länger leben als das lumpige Fleisch und die lipide Hülle, ihren Atheismus verraten".

Zu all dem hat Jake Chapman noch ein höchst amüsantes Delirat verfasst, dass sich liest, als wäre Michael Moore nicht auf Budweiser, sondern Opium, und zudem auch noch gebildet. (DER STANDARD, Printausgabe vom 31.1.2004)

Von
Markus Mittringer

KUB

  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Sex I", eine bemalte Bronze der Chapman-Brüder, legt Wert auf die Darstellung menschlicher Hinfälligkeit: Leben wie die Made im Menschenspeck eröffnet Wege zur Lust.

Share if you care.