Gedächtnislücken

11. Februar 2005, 17:06
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Das Verhältnis der Österreicher zu ihrer Nazi-Vergangenheit - Kolumne von Barbara Coudenhove-Kalergi

Es war schön, dass es zum Auftakt des "Gedankenjahrs" ein gemeinsames Gedenken aller Parteien an die Befreiung von Auschwitz und an den österreichischen Widerstand gegen das Naziregime gegeben hat.

War das nun der endgültige Schlusspunkt unter die scheinbar ewige Debatte über das Verhältnis der Österreicher zu ihrer Nazi-Vergangenheit? Ja und nein. Denn zwei problematische Kapitel sind nach wie vor weitgehend unaufgearbeitet: das Verhältnis der Parteien zu den jüdischen Emigranten und die Natur des Widerstands.

Die Furche brachte dieser Tage ein Interview mit dem heute 92-jährigen Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg, Marko Feingold. Dieser war Häftling in Auschwitz und Buchenwald. "28 Nationen waren in Buchenwald", sagt Feingold. "27 sind von ihren Heimatländern geholt worden. Nur die Österreicher nicht. Denn Oskar Helmer und Leopold Figl haben genau gewusst: wenn die da sind, gibt es Streit mit den Nazis. Dass wir so unbeliebt sind, haben wir damals nicht gewusst. Wir haben gedacht, wir würden mit Musik empfangen werden."

Tragischer Irrtum. Dass ÖVP und SPÖ um die Stimmen der bald wieder wahlberechtigten Nazis geworben haben, weiß man inzwischen, die SPÖ hat ihre "braunen Flecken" auch dokumentiert. Die Nazis wieder zu integrieren, war auch in Ordnung. Nicht in Ordnung war, ihre Judenfeindschaft stillschweigend zu übernehmen.

Es genügte nicht, den Nazis zu sagen: wir machen einen Schlussstrich unter die Vergangenheit, wer demokratische Spielregeln akzeptiert, darf wieder mitmachen. Man fühlte sich auch noch bemüßigt, deren antisemitischen Gefühle zu schonen. Keine der großen Parteien hat einen Finger gerührt, um die Eingekerkerten, Gequälten und Vertriebenen heimzuholen oder ihnen wenigstens zu bedeuten: ihr gehört zu uns. Das, nicht die "Heimholung" der Nazis, war der eigentliche Sündenfall der Nachkriegszeit.

Und wie ist es heute? Wieder der Salzburger Marko Feingold: "In jeder Rede, die ich mir anhören muss, wird ein Jude zitiert. Aber haben wollen sie keinen. Als Dirigent: ja. Komm, mach deine Arbeit, nimm das Geld und hau ab. Aber hier bleiben - nein." Das mag in Wien ein wenig anders sein. Aber ein Thema für das "Gedankenjahr" wäre es doch.

Die österreichischen Emigranten, die wir vertrieben haben und die uns heute noch fehlen, sind im Jubiläumsjahr der Befreiung Österreichs bisher nirgends vorgekommen. Bei der Gedenkfeier an den Widerstand wiederum konnte der historisch unbelastete Zuschauer den Eindruck gewinnen, dieser sei vorwiegend von katholischen konservativen Kreisen getragen gewesen. Von der Linken war praktisch nicht die Rede.

Mit gutem Grund: Die Mehrheit der Kämpfer und auch der Hingerichteten waren Kommunisten. Bei sehr vielen von ihnen handelte es sich um Leute, die aus der Sozialdemokratie gekommen und nach 1934 nach links gegangen waren, um den illegalen Kampf fortzusetzen. Wer überlebte, verließ meist spätestens nach der Niederschlagung des Prager Frühlings die Kommunistische Partei oder wurde aus ihr ausgeschlossen.

Diese Menschen und ihre Schicksale sind im kollektiven Gedächtnis der Österreicher so gut wie nicht vorhanden. Weder die ÖVP noch die SPÖ - diese schon gar nicht - haben ein Interesse daran, ihr Andenken zu bewahren, geschweige denn zu ehren. Die Lebenslüge von Österreich als erstem Opfer der Nazis haben wir endlich überwunden. Jetzt könnten wir uns eigentlich auch noch den anderen Unaufrichtigkeiten zuwenden, die unser Österreichbild trüben. Wenn schon Gedankenjahr - wer hindert uns daran, auch wirklich und ehrlich nachzudenken? (DER STANDARD, Printausgabe, 31.1.2005)

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