Arbeitslosigkeit, Frauenhandel, Pornografie

30. Jänner 2004, 17:00
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Für die Frauen im ehemaligen Osten hat sich seit dem Zusammenbruch des Kommunismus einiges verändert - die amerikanische Politologin Sabrina Ramet dazu im Interview

dieStandard.at: Wie hat sich die grundsätzliche Situation von Frauen im ehemaligen Osten Europas seit 1989 verändert?

Sabrina Ramet: Es gibt etliche Bereiche, in denen sich die Situation wesentlich verschlechtert hat. Am offensichtlichsten sind folgende: erstens ist der Anteil der Frauen in der Politik zurückgegangen, zweitens gibt es einen grundsätzlichen Anstieg der Frauenarbeitslosigkeit, höher als der der Männer und drittens ist es zur Ausbildung von Netzwerken des Frauenhandels gekommen, in denen Frauen als Sexsklavinnen gehandelt werden.

Es gibt auch andere Probleme, mit denen Frauen viel stärker konfrontiert sind. Zum Beispiel müssen Frauen sich trotz ihrer längeren Lebenserwartung fünf Jahre früher aus dem Arbeitsmarkt zurück ziehen. Ebenso hat die Legalisierung der Pornografie in der Region viele negative Effekte gebracht, in dem sie sowohl Männer als auch Frauen dazu bringt, Frauen als Ware zu sehen.

dieStandard.at: Gibt es auch positive Entwicklungen?

Sabrina Ramet: In Polen zum Beispiel gibt es seit 1993 eine Gruppen namens Nieformalna ‚Kobiety Tez’ zur Unterstützung von Politikerinnen. Es hat zwar ein wenig gedauert, aber nach acht Jahren konnten sie ihren ersten Erfolg bei den Wahlen 2001 feiern. Die Repräsentation von Frauen in der Sejm (das polnische Parlament, Anm. d. Red.) ist von 13 auf 20 Prozent gestiegen und im Senat von 13 auf 23 Prozent.

Auch in Kroatien haben Umfragen gezeigt, dass sowohl Frauen als auch Männer politisches Engagement von Frauen gut heißen, namentlich 61 Prozent der Männer und 64 Prozent der Frauen. Und dieser Trend beschränkt sich nicht nur auf Kroatien. Ganz im Gegenteil, momentan verändern sich die Werte der Region ganz gewaltig. Diese Veränderungen fallen mit der jüngeren Generation zusammen, die weitaus liberalere Werte und Einstellungen hat als sagen wir mal die "Über 70"-Generation.

dieStandard.at: Welche ideologischen Strömungen waren und sind denn verantwortlich für all diese Veränderungen?

Sabrina Ramet: Diese Verschiebungen haben unterschiedliche Gründe. Natürlich ist der Zusammenbruch des Kommunismus eine der Erklärungen dafür. Aber der Kommunismus brach aber auch gerade deshalb zusammen, weil die Werte und Einstellungen der Gesellschaft zunehmend kommunismusfeindlich wurden.

Zuallererst, Ost- und Zentraleuropa wurden in den letzten 15 Jahren gerade zu einem "Marktplatz der Ideen". Schauen Sie doch in ein Buchgeschäft, dort finden Sie Bücher über Liberalismus, Nationalismus, über das konservative Christentum, Feminismus, östliche Religionen, selbst Glauben an Außerirdische.

Zweitens übt die EU einen enormen Einfluss aus. Beide, die EU und der Europarat fordern die Einhaltung gewisser Normen ein – für den Preis der Mitgliedschaft. Eine dieser Voraussetzungen ist die Entkriminalisierung von Homosexualität. In Rumänien hat es da drüber große Debatten gegeben und die dortige orthodoxe Kirche hat hart gegen diese Ratifizierung angekämpft.

Drittens haben die Menschen bessere Möglichkeit zu reisen und – dank Email und Telefon – Freundschaften mit Menschen aus dem Ausland zu pflegen. Und - man sollte eine grundsätzliche Veränderung nicht vergessen: die Teenager von heute haben keine Erinnerung an den Kommunismus und nehmen daher auch nicht dieses System als ihren Ausgangspunkt.

dieStandard.at: Welchen Status hat der Feminismus?

Sabrina Ramet: Feminismus gilt in den meisten Teilen Osteuropas noch immer als "schmutziges Wort" . Trotzdem beginnen die Ideen des Feminismus schön langsam diese Gesellschaften zu durchziehen, vor allem – auch hier – die jüngere Generation und die urbane Bevölkerung. Was aber ausschlaggebend ist, ist das Engagement von Frauenorganisationen in der Region und das macht den Unterschied. Es gibt SOS-Hotlines für Frauen, Organisationen (in Polen) für einen freieren Zugang zur Abtreibung, sogar Lesbenrechtsorganisationen.

Lesen Sie mehr über Sabrina Ramets Einschätzungen bezüglich Homosexualität, des Umgangs mit und den Rechte sexueller Minderheiten sowie dem Einfluss religiöser Gruppen im ehemaligen Osten im zweiten Teil des Interviews.

  • Marko JamnikDie amerikanische Politikwissenschaftlerin mit österreichischen Wurzeln Sabrina Ramet lehrt und forscht an der Universität für Science und Technology in Trondheim. Mit ihren zahlreichen Büchern, u.a. zur Situation der Frauen im ehemaligen Ostblock, gehört Ramet zu den wichtigsten AnalytikerInnen des dortigen Wertewandels.

    Marko Jamnik

    Die amerikanische Politikwissenschaftlerin mit österreichischen Wurzeln Sabrina Ramet lehrt und forscht an der Universität für Science und Technology in Trondheim. Mit ihren zahlreichen Büchern, u.a. zur Situation der Frauen im ehemaligen Ostblock, gehört Ramet zu den wichtigsten AnalytikerInnen des dortigen Wertewandels.
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