Zillertaler Pistenjäger

26. April 2005, 13:05
5 Postings

Mayrhofen lockt mit Extremen: Die "Harakiri" ist die steilste präparierte Piste Österreichs

Vom Sessellift aus, der am Rande des Steilhanges auf den Berg führt, wirkt das Stück nicht so schlimm. Ein Skifahrer schwingt flotte Kurven hinunter, die anderen aber rutschen seitwärts ab, und eine hat es schon oben erwischt und sie kugelt den Hang hinunter und in die Fangnetze, die an der Seite aufgestellt sind. Die "Harakiri" hat es offenbar in sich.

Die Abfahrt ist der neueste Stolz von Mayrhofen, der Sportmetropole des Zillertales. Mit 8500 Betten gehört Mayrhofen zu den größten Touristenzentren von Tirol. Einst vor allem ein Sommerurlaubsgebiet, wurde in den vergangenen Jahren das Skigebiet auf dem Penken mit viel Einsatz ausgebaut. Es hat heute gut 50 hochmoderne Lifte mit großer Kapazität, es hat hervorragende Schneekanonen und Pistenraupen, die auch in schneelosen Wintern gute Pisten herstellen, es hat lange und auch einige anspruchsvolle Abfahrten, nette Hütten, und im Ort ein breites Unterhaltungsangebot für Après-Ski und lange Nächte. Schön und gut, doch das haben einige dutzende andere Skiorte in Österreich auch.

Hochgradige Mutprobe

Was tun, um hier hervorzustechen, fragten sich die Zillertaler Marketingexperten. Sie fanden die Antwort auf der Direktabfahrt des neuen Sechser-Sessellifts, den sie vor zwei Sommern auf dem Knorren genannten Berg errichteten. Mit 78 Prozent Steigung (das sind rund 35 Grad) ist sie ganz schön steil, aber gerade noch flach genug, dass sie mit Seilwinde und aufwändiger Beschneiungstechnik präpariert werden kann. Also keine Mugel und zumindest bis Mittag halbwegs griffiger Schnee. Geboren war die "steilste präparierte Piste Österreichs", gefunden rasch der Name "Harakiri", was auf Urtirolisch bekanntlich "Hau di runter" heißt. Mit witzig-warnenden Tafeln, T-Shirts und Postern wurde die 400 Meter lange Strecke zur Mutprobe hochstilisiert, die nur die Tapfersten auf sich nehmen sollten. Ein bisschen mulmig wird es da einem schon, wenn man aus dem Lift aussteigt und die ersten Schwünge auf der schwarzen Abfahrt macht.

Nun sind wir bereits mittendrin und stehen am oberen Rand des Steilstücks. "Der obere Hang ist recht steil, und nach der Kante geht's dann richtig los", ruft unsere Begleiterin Melanie, eine Schwarzwälderin, die sich bei den Mayrhofner Bergbahnen ums Marketing kümmert. "Und beugt euch nicht weg vom Berg, sonst rutscht ihr weg."

Inszenierte Gefahr

Also los, Schwung für Schwung, etwas eisig an zwei Stellen, aber dann ist das Ärgste schon vorbei. Ein aufregendes Gefühl, aber wäre es das auch ohne die Harakiri-Inszenierung gewesen? Den Kriegerhorn-Osthang in Lech habe ich steiler in Erinnerung, aber dort gehen vor allem die Mugel in die Beine. Die Harakiri hingegen wird ständig beschneit und präpariert, erfordert Mut, aber wenig Muskeln. Auch die zweite schwarze Abfahrt, genannt "Devil's Run", ist glatt präpariert, dank ihrer Länge noch interessanter.

Das Skigebiet am Penken ist groß, führt in mehreren langen Abfahrten hinüber bis ins Tuxertal. Dort locken Schilder mit einer "Gletscherrunde", doch zwischen Lanersbach und dem Hintertuxer Gletscher klafft ein zehn Kilometer langes Loch, das nur mit Skibus überwunden werden kann. Hier haben die Marketinggurus der Tuxer Bergbahnen etwas zu dick aufgetragen.

Vom Penken führen Talabfahrten nur ins benachbarte Finkenberg oder Hippach, aber da braucht es schon mehr Schnee. Diese beiden Orte präsentieren sich besonders familienfreundlich, während Mayrhofen selbst eher den Snowboarder-Carver-Mach-die-Nacht-durch-Typen zu hofieren scheint: vor allem in der Harakiri-Event-Woche im Jänner, die mit Unterstützung von Kneissl und Pro Sieben zu einer einzigen großen Jugendparty verwandelt wurde.

Noch zweimal wage ich mich die Harakiri hinunter. Das mulmige Gefühl ist weg, aber richtig Spaß macht es nicht. Egal, stolz ziehe ich mir das "I survived!"-T-Shirt an. Wo gibt es denn sonst noch große Abenteuer, die mit ein paar Schwüngen bewältigt werden können? (DER STANDARD, Printausgabe vom 29./30.1.2004)

Von
Eric Frey

Link

zillertalski.at

  • Das Abbild 
der steilsten 
präparierten Piste 
Österreichs ist jedenfalls nicht gestürzt, der Mann im Bild zumindest noch nicht.
    foto: mayrhofner bergbahnen

    Das Abbild der steilsten präparierten Piste Österreichs ist jedenfalls nicht gestürzt, der Mann im Bild zumindest noch nicht.

Share if you care.