Globale Erwärmung als Marketing-Schmäh

4. Februar 2005, 12:17
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Michael Crichton polemisiert gegen das Geschäft mit dem Umweltschutz

In tiefem Wasser ist ein Tsunami klein, aber in niedrigem Wasser baut er sich auf. Und durch die Bucht wird die Wucht gebündelt, sodass die Welle noch höher wird." Die Welle wuchs an und krachte dann gegen den halbrunden Strand. Sie schäumte weiß und an den Seiten hoch. Er schätzte die Höhe auf gut anderthalb Meter. "Wie hoch wäre das in echt?", fragte sie. "Fünfzehn Meter", sagte er.

Michael Crichton hatte schon immer ein Händchen für aktuelle Themen: Aber diese Szene in einem Pariser Labor erwies sich als allzu prophetisch. Es wird allerdings nicht um eine Naturkatastrophe gehen, sondern um ein künstlich erzeugtes Erdbeben, um die Welt in Angst zu versetzen. Crichton ist wieder einmal politisch unkorrekt unterwegs. Und das mit Leidenschaft. Denn die Terroristen sind Ökofundis, nein, nicht einmal das, denn sie können sich nicht auf ihre ehrliche Überzeugung berufen. Die Schurken, die hier am Werk sind, sind zynische Bosse von milliardenschweren Umweltschutz-Großunternehmen. Um laufend Gelder ihrer Spender zu lukrieren, müssen sie neue Bedrohungsszenarios entwerfen: gezielte Medienkampagnen, PR-Strategien, Überzeugungsarbeit bei den Superreichen, denen man das Gefühl geben muss, gute Menschen zu sein, wenn sie in ihren Privatjets unterwegs sind, aus schlechtem Gewissen Geld spenden und ihren Hausangestellten Hybridautos kaufen. Notfalls geht man auch eine Allianz mit Terroristen ein, die für einen die Drecksarbeit erledigen. Die Cash-Cow der Umweltorganisation NERF ist die globale Klimaerwärmung. Gesponsert wird NERF vom Superreichen George Morton, der irgendwann Unrat wittert und versucht, hinter die altruistischen Kulissen zu blicken. Damit begeben sich er und eine Hand voll seiner Mitarbeiter in Lebensgefahr. Crichton inszeniert eine Jagd durch die Kontinente; die Guten versuchen zu verhindern, dass die Bösen künstliche Unwetter erzeugen, in der Antarktis Rieseneisberge ins Meer sprengen und einen Tsunami auslösen, damit sich die Menschen wieder ordentlich fürchten und Geld lockermachen.

Der Text ist platt und taugt allenfalls für ein B-Movie. Aber so einfach ist die Sache nicht. Crichton pflegt für seine Thriller gründlich zu recherchieren. Er spickt seinen polemischen Roman mit Grafiken, Statistiken und ausgedehnten Zitaten, die beweisen sollen, dass Klimaerwärmung und Kioto-Protokoll Humbug sind und dazu benützt werden, Angst zu erzeugen. Nach dem Kalten Krieg sei ein Angstvakuum entstanden, das jetzt von geschürten Terror-und Umweltängsten ausgefüllt würde. Die Rolle der Universitäten habe sich auch gewandelt. Von Stätten des freien Denkens seien sie zu restriktiven Angstfabriken geworden. Wissenschafter wüssten nur allzu gut, wer ihre Forschungen bezahle. Ob Industrie oder Umweltschutzorganisationen - egal, die Ergebnisse seien nicht unvoreingenommen. Damit jeder Leser auch die Quintessenz kapiert, hat Crichton seine Thesen am Schluss des Buches noch einmal zusammengefasst und eine umfangreiche, kommentierte Bibliografie angeschlossen. Nach seinem Aufruf, Gutmenschen, Wissenschaftern und Medien nichts zu glauben, muss natürlich auch die Frage erlaubt sein, von wem der Autor selbst beeinflusst ist. Doch hoffentlich nicht von Mr. Bush und dessen Ölkumpels. (DER STANDARD, Printausgabe vom 29./30.1.2004)

Von Ingeborg Sperl
  • Michael CrichtonWelt in Angst Roman: € 25,60/602 Seiten. Blessing, München 2005
    foto: buchcover

    Michael Crichton
    Welt in Angst
    Roman: € 25,60/602 Seiten. Blessing, München 2005

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