Große Gefühle, betont originell

Dominik Kamalzadeh
26. März 2005, 22:04
  • Audrey Tautou, diese eigenwillige Kindfrau, eine (nicht unumstrittene) nationale Ikone, eine neue Marianne.
    foto: warner bros.

    Audrey Tautou, diese eigenwillige Kindfrau, eine (nicht unumstrittene) nationale Ikone, eine neue Marianne.

Jean-Pierre Jeunets neues Filmepos "Mathilde - Eine große Liebe"

Wien - Die fabelhafte Welt der Amélie war ein geschlossenes System. Die liebliche, um keine altruistische Tat verlegene Heldin bewirkte in ihrem Quartier ihre kleinen Wunder, gewährte damit seinen Bestand und betörte ein internationales Millionenpublikum.

Amélie, das war auch die Entdeckung eines Gesichts: Audrey Tautou, diese eigenwillige Kindfrau, wurde, wie die Filmkritikerin Ginette Vincendeau schreibt, zur (nicht unumstrittenen) nationalen Ikone, eine neue Marianne. Dass Jean-Pierre Jeunet nun auch in seinem neuen Film Mathilde - Eine große Liebe auf ihre Wirkkraft setzt, verwundert kaum: Tautou als hinkende Kriegswitwe, die nicht an den Tod ihrer Jugendliebe Manech (Gaspard Ulliel) glaubt. Widerstand zwecklos?

Mathilde sprengt in mehrfacher Hinsicht die Ausmaße eines europäischen "High Concept Films": 46 Millionen Euro Produktionskosten, computeranimierte Historienpanoramen, eine Riege an französischen Stars, oft nur in Kleinstrollen, und ein Gastauftritt Jodie Fosters. Aufgrund des Produktionsanteils von Warner Bros. wurde die Identität des Films - an die die Frage nach EU-Förderungen geknüpft ist - ironischerweise erst vor Gericht geklärt. Das Urteil: Mathilde sei nicht französisch.

Bei aller nationalen Verbundenheit des Sujets - der Film ist eine Adaption von Sébastien Japrisots Bestseller -, sind auch Jeunets stilistische Extravaganzen längst auf globale Verwertbarkeit ausgerichtet. Schon der Beginn des Films, in den schlammigen Schützengräben des Ersten Weltkriegs, ist der Eindruck jüngerer Kriegsepen anzusehen.

Hier werden die Schicksale von fünf Männern (darunter auch Manech) umrissen; durch Selbstverstümmelung versuchen sie sich der Schlacht zu entziehen und werden dafür als Deserteure in eine Art Himmelfahrtskommando geschickt.

Jeunet kontrastiert Szenen aus dem Krieg mit Mathildes Suche nach dem Geliebten. Ihre unbedingte Liebe, so der märchenhafte Tenor des Films, hält ihn weiter am Leben. Die doppelte Erzählstruktur von Mathilde wird dabei unaufhörlich in noch kleinere Segmente aufgesplittert, wobei jedes davon den Stempel der Originalität stolz vor sich herträgt - sei es durch seine ausgeklügelte Mise en scène oder den drolligen Tonfall.

Die Kraft des Melodrams soll gewährleisten, dass sich all diese Miniaturen wieder zu einem Ganzen zusammenfügen. Doch die Intensität der Liebe vermag sich nicht auf den Zuschauer zu übertragen. Mathildes Anstrengungen bebildert Jeunet mit nichts weiter als Kitsch, einem Museum der pittoresken Ausstattungsdetails, in dem die digitalen Rekonstruktionen von zeitgeschichtlichem Ambiente paradoxerweise den Anstrich des Fantastischen verstärken.

Historischen Versehrtheiten finden in Mathilde insgesamt keinen Platz, selbst der Krieg gerät darin zum optischen Blendwerk. Noch auf dem Schlachtfeld deckt Jeunet ein sonderbares Wirken des Zufalls auf, das mit dem metaphysischen Prinzip seines Märchens auf fragwürdige Weise harmoniert. Unschuld wird eben belohnt. (DER STANDARD, Printausgabe vom 29./30.1.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh
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3 Postings
Bitte nicht "Quartier"!

Das französische "quartier" ist bei uns noch immer ein (Stadt)viertel oder Stadtteil. Und keine Behausung im engeren Sinn. Danke.

bitte nicht, bitte nicht

als (stadt)viertel ist das doch in diesem artikel auch zu verstehen. amelie hat ja nicht nur in ihrem haus sondern eben im ganzen 'quartier' ihre wunder bewirkt...

tut gut

so eine kritik zu lesen. der roman ist fantastisch, der film ein ärgernis.

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