Lehren aus der Katastrophe

21. März 2005, 15:46
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Kein Mensch behauptet, dass man Naturgewalten verändern kann. Wir müssen vielmehr lernen, damit umzugehen - Gastkommentar von Joseph E. Stiglitz

Mit den eindringlichen Bildern der Zerstörung durch den Tsunami, die das Fernsehen in die ganze Welt übertrug, wurde uns die Macht der Globalisierung vor Augen geführt. Zunächst schien es, als ob die Nachrichten etwas länger brauchten, um die Ranch von Präsident Bush zu erreichen. Letztlich entschloss er sich, finanzielle Hilfe anzubieten. Im globalen Wettbewerb, der versprach, jenen Hilfe zukommen zu lassen, die sie am dringendsten benötigten, wurde die Höhe der Zusagen immer wieder nach oben korrigiert.

Im Vergleich zur Hilfe, die von Ländern mit geringerer Wirtschaftskraft angeboten wurde, erscheint Amerikas Leistung knauserig. Australien bot mehr als doppelt so viel an, Japan beinahe um 50 Prozent mehr und Europa sagte mehr als fünfmal so viele Gelder zu wie Amerika. Beobachtern drängte sich der Gedanke auf, dass das reichste Land in der Auslandshilfe das geizigste ist - umso mehr, wenn man die Hilfeausgaben mit denen für Krieg und Verteidigung vergleicht.

Es war angebracht, dass die UNO die Koordination der Hilfe übernahm. Mit einer Aktion, die weithin als erneuter Versuch, den Multilateralismus zu untergraben, interpretiert wurde, wollten die USA die Führung einer für die Umsetzung von Hilfsprogrammen zuständigen "Core Group" übernehmen. Später fasste man den klugen Entschluss, sich der UNO anzuschließen.

Länder wie Thailand, die das Gefühl hatten, ihre Finanzsituation selbst bewältigen zu können, ersuchten, die Hilfe anderen zukommen zu lassen. Man bat nur um eines: um eine Senkung der Zollschranken und einen besseren Zugang zu ausländischen Märkten. Sie wollten eine Chance, Geld zu verdienen. Die Reaktion war zunächst Schweigen.

Schuldenerlass für Indonesien

Auf der anderen Seite leisteten die G-7 einen bedeutsamen Beitrag, indem man einen Schuldenerlass anbot. Das ist vor allem für Indonesien wichtig, das Schulden in der Höhe von 132 Milliarden Dollar zu bedienen hat. Angesichts der Tatsache, dass ein Großteil der Schulden durch Kredite an das korrupte Suharto-Regime angefallen ist, sollte ein Schuldenerlass für Indonesien in jedem Fall zwingend ins Auge gefasst werden. Überdies war ein Teil der Schulden während der Krise in den Jahren 1997 und 1998 angefallen, die sich aufgrund der vom IWF aufgezwungen Maßnahmen noch verschlimmerte und vertiefte.

Kein Mensch behauptet, dass man Naturgewalten verändern kann. Wir müssen vielmehr lernen, damit umzugehen. Es gibt nun Forderungen nach verbesserten Tsunami-Frühwarnsystemen. Im Bereich der globalen Erwärmung haben wir schon eine Frühwarnung bekommen. Die meisten Länder haben das erkannt und begonnen, etwas dagegen zu unternehmen - nicht genug, aber das Kioto-Protokoll war nur als Anfang gedacht.

Die Natur folgt ihrem eigenen Fahrplan

Betrüblicherweise wird die globale Erwärmung wahrscheinlich die gleichen Länder zerstören, die vom Tsunami verwüstet wurden. Tief liegende Inselgruppen wie die Malediven werden im Meer versinken. Doch nachdem man zunächst die wissenschaftlichen Beweise für das Problem der globalen Erwärmung in Frage gestellt hat, weigert sich der größte Umweltverschmutzer der Welt, die USA, nun etwas gegen dieses Problem zu unternehmen (außer freiwillige Selbstbeschränkung zu predigen).

Optimisten meinen, die Technologie werde das Problem lösen. Realisten sehen jedoch, dass im Wettbewerb zwischen Umwelt und Technologie bis jetzt immer letztere das Nachsehen hatte. Die Natur verfolgt, wie wir beim Tsunami gesehen haben, ihren eigenen Fahrplan. Wenn wir nicht lernen, das zu respektieren, wird es für uns alle zu spät sein. (Copyright: Project Syndikate, 2005. Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29./30.1.2005)

Zur Person

Joseph E. Stiglitz, Nobelpreisträger für Ökonomie, ist Professor an der Columbia University in New York.
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