Leonardo Boff: "Hier entsteht allmählich eine Weltzivilgesellschaft"

von Redaktion  |  30. Jänner 2005, 15:17
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Befreiungstheologe im STANDARD-Interview: Porto Alegre ist ein Ort, an dem utopisches Denken "akkumuliert" wird

STANDARD: Herr Boff, im Jahr 2001 ist das Weltsozialforum als Kontrapunkt zum Weltwirtschaftsforum entstanden. Wenn wir uns heute die Welt ansehen: Hat Davos nicht klar die Oberhand über Porto Alegre gewonnen?

Boff: Die Frage ist doch, wo liegt denn die Hoffnung? Alle spüren, dass wir auf einem Irrweg sind, weil wir überhaupt keinen Sozialvertrag mehr haben. Es gibt nur noch die militärische, wirtschaftliche und ideologische Hegemonie der Vereinigten Staaten, die mit Gewalt aufrechterhalten wird. Das System kann sich nicht mehr mit Argumenten durchsetzen.

Niemand kennt die Alternativen. Aber hier in Porto Alegre entsteht allmählich eine Weltzivilgesellschaft mit dem Bewusstsein, dass wir nicht zufrieden sind mit der Lage der Welt, dass wir uns werden ändern müssen.

Die Vernetzung aller möglichen Bewegungen führt zu einer Art Akkumulation von Energie, von Utopie. Allmählich kommen wir zu Konvergenzen, die politischen Druck bedeuten können.

STANDARD: Ja, aber was kommt konkret dabei heraus?

Boff: In der Wasserfrage etwa zeichnet sich schon ein gewisser Konsens ab. Wir sollten einen globalen sozialen Vertrag über das Süßwasser fordern, und die Option gegen den Krieg. Als Menschheit stehen wir an einem Scheideweg. Solche Reflexionen und Utopien wie in Porto Alegre sind der Humus, in dem die Dinge gären. In Davos geht es um materielle Werte, hier geht es um spirituelle, menschliche, ethische Werte. Ideal wäre, wenn beide zusammenkämen, mit dem Ziel einer ganzheitlichen Vision der Menschheit.

STANDARD: Heuer gibt es auf dem Forum erstmals einen eigenen Themenbereich "Spiritualität". Wie wichtig ist die ethische Dimension für die Weltbürgerbewegung?

Boff: Aus dem spirituellen Kapital der Religionen müssen Impulse für eine menschlichere Gesellschaft gegeben werden. Wir wollen ja nicht nur eine soziale, sondern auch eine menschliche Veränderung mit ethischen Werten. Die Religionen sind dazu da, um diese Dimensionen zu erarbeiten und zu vertiefen.

STANDARD: Der Vatikan hat Sie ausgegrenzt, später haben Sie Ihr Priesteramt aufgegeben. Fühlen Sie sich manchmal unverstanden oder einsam?

Boff: Nein. Rom hätte es sicher gerne gesehen, wenn ich Coca-Cola-Manager in Rio geworden wäre. Aber ich konnte weiter als Theologe arbeiten und wurde dabei auch von den meisten Bischöfen unterstützt. Also sehe ich mich nicht als Opfer, und ich empfinde auch keine Rachegefühle oder Enttäuschung.

Das autoritäre System Kirche ist dazu verdammt, andere zu verdammen. Das gehört zu seiner Logik. Sobald man das einmal verstanden hat, fühlt man sich befreit. (DER STANDARD, Printausgabe, 29./30.01.2005)

Von
Gerhard Dilger

Zur Person:

Leonardo Boff wurde 1938 als Sohn italienischer Einwanderer in Südbrasilien geboren. 1970 promovierte der Franziskaner bei Karl Rahner in München und wurde nach seiner Rückkehr nach Brasilien zu einem Mitbegründer der Befreiungstheologie. 1985 belegte ihn der Vatikan mit einem Schweigegebot, 1992 legte er sein Priesteramt nieder. Sein vielübersetztes Werk umfasst über 70 Bücher.
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maske 1972 
30.01.2005 00:33
Die weiter Entwickelten

haben mittlerweile bereits begriffen das eine Spezies nur gemeinsam ihre Existenz sichern kann. Die Dümmeren kleben noch immer an Macht und Geld (Allen vorran die Großen politischen und kirchlichen Organisationen, Marionetten der Wirtschaft die Ihre Chance schamlos ausnützt!). Die Klügsten haben begriffen das Sie nur im Einklang mit der Natur überleben. Kopf oder Zahl?

Peter Mayr 
29.01.2005 13:58
Gutmenschdiktatur?!?


bevor amn all zu laut eine "Weltzivilgesellschaft" proklamiert sollte man bedenken ...

ob eine Gutmenschdiktatur wirklich wünschenswert istÖ

deanch kommen

1. Inquisition

2. Redeverbote

3. Gedankenverbote

... und am bitteren Ende werden dann wieder die Christen und andere Gläubige im Reality TV den Löwen als Futter geschenkt ... LIVE!?!

edson arantes do nascimento  
29.01.2005 18:46
entschuldigung,

aber könnten sie für langsamdenker und "nicht-checker" einmal kurz den weg von einer weltzivilgesellschaft zu einer diktatur der gutmenschen skizzieren! DANKE

Harry Meier
29.01.2005 15:55
Naja eigentlich mag ich keine Diktatur. Aber wenn

.. ich keine andere Wahl hätte, dann lieber eine "Gutmenschendikatur" als jene der "Schlechtmenschen", zu denen sie sich offenbar zählen.

dr. kokos 
31.01.2005 19:59

dass ich ihnen einmal hundertprozentig zustimmen könnte, hätte ich mir wirklich nicht gedacht. respekt für diese aussage!

David Haardt  
29.01.2005 16:38
Richtig!

Traurig dass "gut" von manchen Menschen heute schon als Schimpfwort angesehen wird...

yul hukl
29.01.2005 18:30
der hat ja...

das "gut" nicht als wirklich "gut" verstanden.
und dass man christen (die ja so manches übel beim namen nennen)
wieder öffentlich fertig machen wird, weil sie sich nicht von der pseudotoleranten gehirnwäsche unserer tage gleichschalten lassen wollen, erschein mir eh mehr als fix.
fals es dann soweit is (wer weiss wann), werden sie eine hervorragende möglichkeit haben, ihre selbst hochgeschätzte gutheit zu beweisen.
lg

David Haardt  
29.01.2005 15:39
Ich glaub Sie verwechseln da was...

"1985 belegte ihn der Vatikan mit einem Schweigegebot"

Wer erteilt da jetzt nochmal die Redeverbote...?!

Dr. Freidank
29.01.2005 11:42
noch heute

schwellen mir die Zornesadern an, wenn ich an das Lehrverbot denke, das der Vatikan seinerzeit über Leonardo Boff verhängt hat. Und wo sind damals unsere Kleriker gewesen? Wo blieben seitens unserer wohlbestallten Kirchenmänner, Pfarrer, Theologen, Ordensleute, die Aktionen von Solidarität für den Pater der Armen und Unterdrückten?

Umso mehr freut es mich, wenn Leonardo Boff heute die Saat seiner Ideen aufgehen sieht. Ich umarme dich, padre.

lagos
29.01.2005 16:09

kann ihre empörung nachvollziehen, wenn ich an die zeiten denke, als vor vielen jahren die kunde von der befreiungstheologie und ihrer mutigen vertreter auch nach europa drang! und viel hoffnung verbreitete.
obwohl überzeugter agnostiker, aber unverbesserlicher sozialromantiker, habe ich damals die katholische kirche wieder als "näher" empfunden.
doch der lange arm roms hat dieser sozialutopie sehr bald ein ende gesetzt.
aber meine sympathie für leonardo boff und mein respekt vor seiner arbeit ist bis heute aufrecht.

Nikolaus Gluck
29.01.2005 10:33
Klingt wunderbar, ...

was der Herr von sich gibt.
Doch leider wird auch er bald wieder aufwachen und die Realität erkennen.
Die globalen Besitzstandwahrer (v.a. die US-Administration) werden nicht kampflos (im wahrsten Sinne) zusehen, wie ihre Macht schwindet.
Mit zeitgemäßen Feindbildern werden sie ihre Wähler blenden und weiterhin als Weltpolizei die Welt terrorisieren.
:-(

edgar einstein
29.01.2005 10:26
utopien

der Hr. Boff soll mal in porto allegre, rio oder sonstwo in der gegend mit einer sichtbaren goldkette um den hals auf eine strasse im zentrum gehen, dann kann er die minuten zählen bis er überfallen wird, das ist keine zivilgesellschaft der man etwas abgewinnen kann und wer so naiv ist zu glauben das sich daran etwas ändern wird hat keine ahnung, faktenlage ist das es schlimmer wird denn die slumbevölkerung in fast allen staaten lateinamerikas, asiens und afrika hat exponenziale zuwachsraten. da ist auch die romkirche stark beteiligt z.B. philippinen etc.

edson arantes do nascimento  
29.01.2005 18:39

... das könnte ja vielleicht damit zu tun haben, dass dort die PT (lula) lange zeit regiert hat und es dort programme wie "favela bairro" gibt, die mitlerweile auch in rio gestartet wurden. und solche programme haben sehr wohl mit zivilgesellschaftlichen aspekten zu tun! diese "revolution" kam von unten. (wurde im übrigen auch von befreiungstheologen unterstützt!)

http://www.brasilienportal.ch/index.cfm... v=12,3,16,
38,298
http://www.fau.ufrj.br/prourb/ci... la/frames.
html

edson arantes do nascimento  
29.01.2005 18:32
lieber einstein

tut mir leid, ihnen mitteilen zu müssen dass ich es sehr schade finde dass sie sich mit ihrem namensvetter wohl nicht sehr viel teilen dürften!
tut mir auch leid ihnen mitteilen zu müssen, dass ich glaube, dass sie nichts aber auch rein gar nichts verstanden haben dürften:
1. mit zivilgesellschaft hat Boff sicher nicht die gegenwärtige brasilianische oder lateinamerikanischen gemeint, sondern..... oben nochmals genau lesen!
2. dass sie heute in rio ihr goldkettchen wahrscheinlich innerhalb kürzester zeit abgeben werden liegt an jahrzehntelanger politik (von innen und von aussen) gegen die die befreiungstheologie immer protestiert hat.
3. in porto alegre werden sie ihre goldkette nicht mehr so schnell verlieren als früher.........

denkanstoss1 
29.01.2005 15:04

Apropos „Faktenlage“: Hm, hm, warum gibt’s denn Slums? Und wo isch denn der Leonardo Boff (nit der Di Caprio) dahoam??

edgar einstein
29.01.2005 18:16
rammeln

die slums gibt es weil zuviele kinder geboren werden, die katolische kirche, islam usw. lehnt geburtenkontrolle ab. kick the pope und virtual den allah das ist alles.

edson arantes do nascimento  
29.01.2005 20:09
lieber einstein

gnadenlos werde ich sie jagen und ihre postings verfolgen, denn dummheit gehört bekämmpft!!!
mit ihren einfachen problemanalysen und lösungsansätzen hätten sie tolle chancen bei der fp!
die slums (zumindest jene in lateinamerika) gibt es nicht weil zuviele kinder geboren wurden! bei der grösse brasiliens könnten wahrscheinlich nochmals 190mil menschen leben, ohne dies in armut tun zu müssen.
die slums gibt es primär weil die reichtümer dieser länder über lange zeit hindurch (und teilweise noch heute) völlig falsch erteilt wurden, und dann gibt es da noch hunderte weiterer ursachen. bin kein katholik, und auch kein freund der vatikanischen politik bezüglich geburtenkontrolle aber an dem problem sind sie nur zu einem kleinen teil schuld.

Rand Bemerkung
29.01.2005 19:44

so einfach ist das also...
simple minds for simple solutions!

Ramto 
29.01.2005 09:57
Stichwort Religionszugehörigkeit

Leider gehören in Europa viel Menschen keiner Religionsgemeinschaft mehr an fühlen sich nur sich selbst verpflichtet.
Die Meinungsbildner bestätigen die Menschen oftmals auf diesem Weg und jammern, dann über die daraus resultierenden Konsequenzen (hohe Kriminalität, geringes Bevölkerungswachstum, gegenseitiges Ausspielen und Erpressen.
Ich habe den Eindruck, dass bei vielen Menschen die Komplexität der Strukturen und der Lebensumstände zu einer zunehmenden Vereinfachung des Gemüt führt und damit jede Entwicklung unterbunden ist. Ein Faktum ist, dass eine Gesellschaft ohne verbindliche Umgangsformen sehr viel komplizierter ist als eine an bestimmt ethnische Regeln gebundene. Das Problem ist, dass viele Menschen unendlich frei sein wollen.

Pefo
29.01.2005 14:37
Religionszugehörigkeit...

Die von Ihnen angeführte "zunehmende Vereinfachung desGefühls" führt wohl eher zu
Hexenverbrennungen, zur Verfolgung Andersdenkender, wie derer, die eben nicht einfach sich die Erde als den Mittelpunkt dachten, um den sich alles dreht.
Ja, diese Denkweisen sehen wir immer dann, wenn viele Menschen nicht sich und der Menschheit verpflichtet sehen, sondern "hohen Werten", wie dem Christentum, dem Faschismus, dem realen Kommunismus,...

O Campineiro
29.01.2005 14:19
vorsicht!

nur weil ich keiner religionsgemeinschaft angehören will, in welcher kinderschänder relativ glimpflich davonkommen, führt das noch lange nicht zum verfall meiner ethischen werte.
diese beruhen nämlich auf einem langen sozialisierungsprozess, der noch immer andauert. kirchen brauchen wir in diesem zusammenhang wirklich nicht. ich würde sogar dazu tendiren, dass es abseits der gotteshäuser zu einer befreiung ethischer werte kommen kann.
außerdem sehe ich überhaupt keinen zusammenhang zwischen angehörigkeit zu einer religionsgemeinschaft und faktoren wir kriminalität, bevölkerungswachstum oder den persönlichen umgang miteinander.
schließlich erscheint mir komplizierte freiheit weitaus erstrebenswerter als simple und langweilige konformität.

anatoly
29.01.2005 14:03

Wie vereinfacht Ihr Gemüt Ihrem Posting zufolge sein muss, beweisen solche unbewiesenen Behauptungen wie, dass religionslose Menschen reine Egomanen sind, vermehrt zu Kriminalität und überhaupt unethischen und unmoralischen Verhalten/Einstellungen neigen. Das ist eine Verleumdung, die ich mit meiner atheistisch-humanistisch-wissenschaftlich orientierten Weltanschauung, die sehr starke ethisch-moral. (wenn sie so wollen) Grundsätze beinhaltet, strikt von mir weisen muss. Sie sollten nicht immer andere für sie slbst denken lassen. Das geistlose Gebrabel von Klerikern hatte noch nie viel mit der Realität zu tun. Gerade die Religionen können keine bessere Zukunft weisen, siehe z.B. rel. Fundis und die inhumanen heil. Schriften div. Rel.

mad kooling
29.01.2005 13:41
nicht glücklich

interessant, aber ich halte es für einen großen -wenn nicht gefährlichen- fehler zu behaupten, dass sich menschen, die keiner religionsgemeinschaft angehören, nur sich selbst verpflichtet fühlen. das klingt, als könnte uns nur die kirche (oder meintest du religion), soziales denken, solidarität, gemeinschaft, nächstenliebe,... geben.
solche gefühle setzen aber nicht gottesfürchtigkeit voraus.

WALDORF and STATLER  
29.01.2005 03:50
weltzivilgesellschaft

änderungen gingen oft von der zivilgesellschaft
aus in der geschichte.selbst jesus wollte ja
mit seinen aposten- zivilisten - hinausziehen
und die welt verändern. funktioniert hat es
anders, einige hundert jahre später.
interessant dass herr dilger hinnehmend von
einer verdammenden katholische kirche spricht.
jesus und luther ist er also nicht. den der eine
ging in den tempel und schmiss alle und alles
raus und der zweite war gegen die verdammung
zu ablass.

Tristan V
29.01.2005 02:54
denkanstoß2

das drama ist u.a., dass die meisten verantwortlichen (mächtigen) mit dem terminus "ethische werte" so überhaupt nichts anzufangen wissen, weil sie den begriff nicht einmal einordnen können in ihren gedankengebäuden.

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