Basteln am neuen Schulalltag

14. Februar 2005, 11:00
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Finazierung eines neuen Schulmodells völlig unklar - Gehrer will Gemeinden zur Kasse bitten - Ländern geben sich flexibel

Für Beatrix Handschmann ist klar, welcher Schultyp für die Kinder der beste ist: die Ganztagsschule. Als Lehrerin hat sie an mehreren derartigen Schulen unterrichtet, heute steht sie einer als Direktorin vor. 320 Kinder gehen in die – öffentliche – Ganztagsvolksschule Neubau im siebten Wiener Gemeindebezirk.

Die Kinder sind aus allen sozialen Schichten, zirka die Hälfte hat Eltern mit nicht- deutscher Muttersprache. Natürlich gäbe es einige, "die sich mit Deutsch plagen", sagt die Direktorin: "Es gibt auch Kinder, die mehrere Sprachen beherrschen."

Höhere Flexibilität

Ein Vorteil dieses Schulmodells sei die höhere Flexibilität: "Warum soll ich die Kinder beim Lernen unterbrechen, wenn sie gerade voll konzentriert sind? Und umgekehrt: Wenn sie müde sind, muss eine Pause her." Unterrichtet wird bis 15.30 Uhr, bis halb sechs werden die Kinder betreut. Von zwei Lehrern, die sich abwechseln, im Idealfall, so Handschmann. Dank Sparvorgaben sei dies kaum möglich. Betreuer kümmern sich um die Freizeitagenden.

69 "echte" Ganztagsschulen

In Österreich gibt es insgesamt 69 "echte" Ganztagsschulen (Siehe Grafik), und sie stehen momentan im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Denn seit Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (VP) angekündigt hat, dass alle Schulen noch in dieser Legislaturperiode grundsätzlich Tagesbetreuung anbieten sollen, ist Bewegung in die Schuldebatte gekommen.

Tradition "Zwangstagsschule"

Jahrelang standen sich SPÖ und ÖVP bei dieser noch mit Verfassungsmehrheit zu beschließenden Materie unerbittlich gegenüber. Die SPÖ forderte stets die "Gesamtschule", die ÖVP schimpfte diese als "Zwangsschule". Nun signalisiert die ÖVP mit dem Vorschlag, die Fünf-Tage-Woche für alle Pflichtschüler bis 14 sowie ganztägige Betreuung einzuführen, Bewegungsbereitschaft – und sorgt für Verblüffung.

Finanzierung unklar

Völlig unklar ist allerdings die Finanzierung. Gehrer hatte am Mittwoch im Nationalrat erklärt, dass der für die Umstellung auf Ganztagsbetreuung nötige Umbau von Schulen von den Erhaltern getragen werden müsse. Im Pflichtschulbereich sind dies die Gemeinden. Nach Expertenschätzungen gehe es dabei um hunderte Millionen Euro, so Städtebund-Generalsekretär Erich Pramböck, der fürchtet, dass der Bund versucht, "sich aus der Verantwortung zu stehlen und Kosten auf Städte und Gemeinden abzuwälzen."

Gehrer entgegnet: Ihre Maßnahmen werden keine Millionenbeträge kosten. Es sei nicht gut, ihr Bestreben nach Ausbau der Tagesbetreuung an den Schulen "sofort wieder mit riesigen Millionen-Euro- Forderungen zu erschlagen."

Gemeinden zur Kasse

Sie will am derzeitigen Modell festhalten: Dass die Eltern für das Mittagessen zahlen, ist für die Ministerin selbstverständlich. Die Gemeinden und der Bund bei den Bundesschulen müssten für die Tagesbetreuung aufkommen. Bei Bundesschulen werde ein sozial gestaffelter Unkostenbeitrag von 80 Euro eingehoben.

Ein "Horror"

Auch ob nun eine "echte Ganztagsschule", die auch Unterricht am Nachmittag beinhaltet, oder nur eine "ganztägige Betreuung" eingeführt werden soll, ist unklar. Die SPÖ tritt nach wie vor für eine Gesamtschule ein, für die ÖVP ruderte Nationalratspräsident Andreas Khol am Freitag wieder ein wenig zurück. Er bezeichnete eine ganztägige Gesamtschule in der Presse als "Horror". Gehrer bekräftigt: Auch ihr gehe es nicht um eine Änderung der Gesamtorganisation.

Flexibler ist man in den Ländern: Die steirische Bildungs-Landesrätin Kristina Edlinger-Ploder (VP) will einen parteiübergreifenden Schulterschluss für die Gesamtschule erreichen oder Aufnahmetests für die AHS einführen. Der Ausbau von Ganztagsschulen soll in der Steiermark vorangetrieben werden. Weniger weit geht der oberösterreichische VP-Landesschulratspräsident Fritz Enzenhofer. Er will sich nur an dem "örtlichen Bedarf" orientieren.

Bedarfserhebung folgt

Die Conclusio: Es braucht offenbar eine Bedarfserhebung. Eine Arbeiterkammer- Studie rechnet mit 100.000 neuen Betreuungsplätzen für den Nachmittag, das Institut für Höhere Studien mit nur 10.000. In diesem Schuljahr hat Gehrer 10.000 Betreuungsplatze zusätzlich zur Verfügung gestellt, nur 8000 wurden tatsächlich beantragt. Im Schuljahr 2006/2007 sollen Schulen bereits verpflichtet sein, von sich aus Ganztagsbetreuung anzubieten. Im Ministerium rechnet man mit weiteren 10.000 zusätzlichen Plätzen, konkrete Zahlen sollen Ende 2005 vorliegen.

(DER STANDARD, Peter Mayr, Barbara Tóth, Printausgabe, 29.1.2005)

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