Kommentar der anderen: Vom Verschwinden des Katholizismus

11. Februar 2005, 15:48
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Ein kleiner Exkurs durch die Geschichte einer "längst fiktiven" Großkirche - Von Walter Wippersberg

Der römischen Kirche laufen also die Mitglieder davon. Und nun wird hektisch diskutiert, wie diese Entwicklung denn aufzuhalten wäre. Dabei übersieht man geflissentlich, dass die Gemeinschaft der Katholiken längst nur mehr eine fiktive Großkirche ist. Würden ihr nur jene angehören, die wirklich glauben, was sie lehrt, sie wäre von der Größe her nur mehr eine bescheidene Sekte.

Glaubensbekenntnis

Selten wird wohl – behaupte ich – mehr gelogen als beim gemeinsamen Herbeten des Glaubensbekenntnisses. Wer glaubt wirklich an die Dreifaltigkeit, an den Gottesstatus Jesu und an seine Geburt aus der "Jungfrau" Maria? (Paulus, der eigentliche Erfinder des Christentums, hätte übrigens ganz gewiss nicht an die Jungfrauengeburt geglaubt. Erst recht nicht daran, was jeder Katholik seit 1950 eigentlich glauben muss: dass nämlich Maria als einziger Mensch auch mit ihrem Leib in den Himmel aufgenommen wurde.)

Gern wird oder würde an ein Weiterleben nach dem Tod geglaubt. Man hält ja nicht unbedingt für wortwörtlich wahr, was die christlichen Kirchen darüber lehren, aber nachdem man eineinhalb Jahrtausende lang so getan hat, als sei dieser Gedanke ein quasi natürlicher, sagen viele: "Das kann ich mir nicht vorstellen, dass nach dem Tod einfach alles aus sein soll."

Von Jesus hält man viel. Ob er wirklich Gottes Sohn war und uns alle mit seinem Tod am Kreuz erlöst hat, daran zweifeln heute viele. Aber ein ganz herausragender Mensch, ein Vorbild wird er wohl gewesen sein. Das ist dann freilich nicht katholisch, auch nicht protestantisch, sondern eher arianisch gedacht (der Arianismus war eines jener Christentümer, die Jahrhunderte in Konkurrenz zum heutigen Katholizismus standen).

Am meisten wird wohl noch geglaubt, dass ein Gott diese Welt erschaffen habe. Dabei hat man nicht unbedingt jenen Gott im Auge, von dem die hebräische Bibel erzählt, aber: Der ganze Kosmos, das könne ja nicht von selbst entstanden sein! Glaubt man aber nicht an diesen Gott, der sich, wie die Bibel erzählt, den Menschen offenbarte und der in der Geschichte des Menschen gewirkt hat, sondern nur an einen, der dieses ganze Kosmos-Werkel in Gang gesetzt hat, dann ist das jener Deismus, den die Kirchen so heftig bekämpft haben, als etwa Voltaire ihn vertrat. Und wenn viele meinen, die Schöpfung sei sozusagen der sichtbare Teil Gottes, dann ist das jener Pantheismus, der ebenso wenig als rechtgläubig gilt.

Anfang vom Ende

Vor gar nicht so langer Zeit haben die katholischen Obrigkeiten jeden, der nur einen Fingerbreit abwich von der vorgeschriebenen Art zu denken und zu glauben, drangsaliert, verhört, gemartert und schlimmstenfalls verbrannt. Seit die Menschen, vom Zwang der Zugehörigkeit befreit, den Kirchen davonlaufen, dulden es die Hierarchen, dass jeder sich sein eigenes Gottesbild schafft und ausmalt. Da sie die Ketzer nur mehr mit ewiger Verdammnis, aber nicht mehr mit dem leiblichen Tod bedrohen können, darf jeder, wenn er nur die Entrichtung der Kirchensteuer nicht verweigert, sich seinen Gott ganz nach Belieben selber basteln.

Er sei "noch auf dem Weg", sagen die um ihre Macht fürchtenden kirchlichen Heilsverwalter jetzt. Wer früher ein Häretiker gewesen wäre, gilt nun als "Gottsucher". Man müsste sonst zugeben, dass die "ewige Wahrheit" der katholischen Kirche nur mehr von einer verschwindenden Minderheit vertreten wird.

Von der Mitte des ersten bis über die Mitte des zweiten Jahrtausends hinaus konnte die Kirche bestimmen, was gedacht werden durfte und was nicht. Aber auf immer und ewig ließen sich die Menschen eben doch nicht entmündigen. Das war der Anfang vom Ende der katholischen Kirche, mit dem allmählichen Verlust der weltlichen Macht schwand auch ihre geistliche. Sie liefert nur noch Rückzugsgefechte: Die Demokratisierung Europas, die politische und soziale Emanzipation der "unteren" Schichten, die von Bevormundung freie Entwicklung der Wissenschaften, all das und vieles mehr musste in den letzten zweihundert Jahren gegen heftigen klerikalen Widerstand durchgesetzt werden.

Noch im Jahr 1910 versuchte man ein Bollwerk aufzurichten, indem man alle katholischen Geistlichen verpflichtete, den "Antimodernisteneid" abzulegen – und damit allen historisch-kritischen, modern-wissenschaftlichen und liberal-demokratischen Denkansätzen von vornherein abzuschwören. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962 bis 1965) erst hat – viel zu spät, um noch glaubwürdig zu sein – versucht, den Katholizismus zu den Errungenschaften der Aufklärung hin zu öffnen. Wir leben heute, wenigstens in Europa, in einer postchristlichen Gesellschaft. Das soziale Engagement der Kirchen wird geschätzt (weshalb heute viele so tun, als sei dieser ohne Zweifel positive Aspekt der caritas ohnehin durch all die Jahrhunderte das Eigentliche des Christentums gewesen, was durchaus nicht der Fall war). Die letzten Reste des politischen Einflusses haben die Kirchen im 20. Jahrhundert verloren, sie bestimmen nicht mehr die Spielregeln des Lebens, weder im Öffentlichen noch im Privaten.

Kleiner Trost

Im Jahr 2004 erwies es sich so deutlich wie nie zuvor, dass in Europa nicht mehr konsensfähig ist, was nach wie vor offizielle Lehre des Vatikans ist. Rocco Buttiglione, ein Berater des Papstes, konnte wegen einiger katholizismus- konformer Äußerungen über Homosexualität und über die Rolle der Frau nicht EU-Kommissar werden.

"Außerhalb der Kirche kein Heil", das glauben einfach immer weniger. Wer sich heute noch zum Katholizismus bekennt, tut es weniger aus religiösen denn aus kulturellen (oder folkloristischen) Gründen. Immer leben ja die Zivilisationen ein wenig länger als die Religionen, die sie geprägt haben. (Deshalb gibt es bei uns auch nur katholisch oder protestantisch oder jüdisch geprägte Atheisten, aber keine Atheisten an sich.)

Doch seit nicht einmal mehr auf dem Lande sozial geächtet wird, wer keiner Kirche (mehr) angehört, nehmen viele halt irgendeinen Anlass wahr, um die innerlich längst vollzogene Trennung auch offiziell zu bestätigen. So zerfällt immer rascher, was ohnehin nur noch Fassade war.

Freilich: Der große Gegenentwurf zum Denk- und Polit- system Christentum, die auf den allgemeinen Menschenrechten basierende Demokratie verdankt, da im Abendland entstanden, dem Christentum vielerlei Impulse. So wird – manchem sei's zum Trost gesagt – das Abendland schon noch eine Weile christlich bleiben (irgendwie halt), auch wenn die ehemaligen Großkirchen auf Sektengröße geschrumpft sein werden. (Walter Wippersberg, DER STANDARD - Printausgabe, 29./30.01.2005)

Walter Wippersberg
ist Schriftsteller
und Filmemacher;
im kommenden Herbst
erscheint sein
neues Buch "Einiges
über den lieben Gott".
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