"Intrigantinnen" und "Ehefrauen"

18. November 2005, 20:38
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Aktuelle Anmerkungen zur Frage: Sind Frauen in der Politik mutiger als Männer? Ein Kommentar der anderen von Peter Huemer

Die Kärntner Sozialdemokratie ist so ähnlich organisiert wie Somalia: Das Zentrum, soweit überhaupt vorhanden, ist bedeutungslos. Entscheidend sind die Warlords in den einzelnen Regionen. Die einigen sich aber nicht. Nun gibt es die Überlegung, eine Frau könnte dieses Chaos beenden. Gabriele Schaunig-Kandut hat sich schon als Soziallandesrätin dadurch ausgezeichnet, dass sie am entschiedensten Landeshauptmann Jörg Haider Paroli geboten hat. Auf ihr ruhen daher die Hoffnungen derer, die für die Kärntner SPÖ überhaupt noch zu hoffen wagen.

Das führt zu einer grundsätzlichen Frage: Sind Frauen in der Politik mutiger als ihre männlichen Kollegen, und sind sie politisch klüger? Das ist natürlich nicht generell zu beantworten und hängt zudem vom Standpunkt ab. Wer zum Beispiel meint, dass es in den 90er-Jahren klug war, Jörg Haider zu wählen, der wird den Männern den Vorzug geben. Wer für die Wiederwahl von George W. Bush war, der ebenso. Wer andererseits für nachhaltige ökologische Politik eintritt und deshalb die Grünen bevorzugt, der wird in diesem Lager eine weibliche Wählermehrheit vorfinden. Es gibt also statistisch erkennbare Unterschiede zwischen weiblichem und männlichem Politikverhalten. Das meint nicht die Frauen insgesamt, aber es markiert doch eine Geschlechterdifferenz.

Die ist auch nicht neu. Während des Peloponnesischen Krieges schrieb der Dichter Aristophanes in Athen im Jahr 411 v. Chr. seine Komödie Lysistrate. Darin verbünden sich die Frauen in ganz Griechenland und zwingen ihre Männer durch fortgesetzte Ver^weigerung des Beischlafs, den Krieg zu beenden. Formal ein drastisches Lustspiel, in der Substanz ein großer pazifistischer und feministischer Text. Wenig später billigt Platon in seinem – aus anderen Gründen problematischen – Idealstaat den Frauen denselben Zugang zu den höchsten Ämtern zu wie den Männern.

Dass Aristoteles danach die Frau als "unvollständigen Mann" definierte, war ein Rückschritt, der sich über christliche Vermittler wie den hl. Paulus ("Das Haupt des Mannes ist Christus, das Haupt des Weibes ist der Mann") bis herauf in die Neuzeit zieht. Noch im 20. Jahrhundert war es so, dass die Männer fast überall das Wahlrecht früher erhielten.

Zurück nach Kärnten: Als vor etlichen Wochen die Klagenfurter FPÖ versucht hat, den Intendanten des dortigen Stadttheaters durch radikale Kürzung der Geldmittel zu erledigen, haben zunächst weder SPÖ noch ÖVP darauf reagiert. Dann waren es die beiden sozialdemokratischen Abgeordneten Melitta Trunk und Sieglinde Trannacher, die gegen die Kürzung des Theaterbudgets protestiert und ihren Parteichef Ambrozy öffentlich aufgefordert haben, "Haider Dampf" zu machen.

Das hat ihnen eine Rüge des Geschäftsführers der SPÖ Kärnten eingetragen, der die beiden Abgeordneten als "landesweit bekannte Intrigantinnen" bezeichnet hat. Dass es Frauen waren, die als erste gegen die Kulturbarbarei der FPÖ protestiert haben, ist wohl kein Zufall. Und dass es nun eine Frau sein könnte, die die Kärntner SPÖ aus ihrem beschämenden Tief führen soll, ist zumindest eine Hoffnung. Weil Frauen in der Politik meistens mutiger und kompromissloser sind als die Männer. Und oft klüger.

Aber nicht immer. Nachdem die gegenwärtige Innenministerin von ihrem Ehemann mit einem Interview belästigt worden war des Inhalts, dass "Weiber" "in die Kuchl" gehören usw., forderten die grüne Frauensprecherin Brigid Weinzinger und die SPÖ- Frauensprecherin Gabriele Heinisch-Hosek in nahezu gleich lautenden Aussendungen die Innenministerin auf, sich von den Aussagen ihres Mannes zu distanzieren.

Hier offenbart sich ein christliches Eheverständnis rechts vom Papst: Mann und Frau werden in der Ehe ein Leib – und auch ein Geist. Nur so wäre zu erklären, warum Frau Prokop zuständig sein sollte für das, was Herr Prokop von sich gibt. Besser wäre, die beiden Frauensprecherinnen konzentrierten ihr Interesse auf die Politikerin Prokop, nicht auf die Ehefrau. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.1.2005)

Der Autor ist Historiker und Publizist. Er lebt in Wien
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