Kommentar der anderen: "Strafen müssen wehtun!"

13. Februar 2005, 23:16
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...sagt eine angehende Juristin, die ein STANDARD-Artikel in eine Sinnkrise stürzte

Es ist nach halb zwölf Uhr abends, eigentlich sollte ich lernen. Ein anstrengender Tag und eine Prüfung liegen hinter mir. In der Früh war keine Zeit, die aktuelle STANDARD-Ausgabe zu lesen, deshalb blätterte ich diese neben dem Abendessen durch und verschluckte mich fast, als ich Seite acht las.

Zuerst hielt ich es für halluzinationsähnliche Folgen des heutigen Tages, dann für einen schlechten Scherz. Erst langsam dämmerte es mir, dass das, was da schwarz auf lachsrosa stand, keine Einbildung war. Mag sein, dass die Rückfallquoten von Sexualstraftätern nicht alarmierend hoch sind. Zum Glück. Meiner Meinung nach ist das aber noch lange kein Grund, erfreut nach mehr bedingten Entlassungen zu rufen. Sexualverbrechen sind keine Kavaliersdelikte, auch wenn sie in Österreich oft gerne als solche gesehen werden.

Männersicht

Die beiden Studienautoren sind männlichen Geschlechts. Ich wage zu behaupten, dass die meisten Opfer von Vergewaltigungen und sexuellem Missbrauch Frauen sind. So professionell die Herren Hirtenlehner und Birklbauer auch sein mögen – es wird ihnen nie gelingen, das Problem von Sexualstraftaten aus demselben emotionalen Blickwinkel wie eine Frau zu sehen.

Muss ein Mann bei der Wahl des abendlichen Schuhwerks sich Gedanken darüber machen, ob er mit damit im Notfall möglichst schnell davonrennen kann? Wie oft hat er ein mulmiges Gefühl im Bauch, weil ihm eine seltsame Gestalt schon seit geraumer Zeit folgt? Wurde ihm je ein Abend verdorben, weil ein besonders aufdringlicher Typ ...

Seltsame Botschaft...

Deshalb halte ich die Aussage, "die Gesellschaft vertrage mit Sicherheit auch mehr bedingt Entlassene", für reichlich kühn: Immerhin leben in Österreich mehr Frauen als Männer, bilden also die Mehrheit der Gesellschaft. Und ich bin mir sicher, dass sich diese Gesellschaft nicht wirklich wohl fühlt, wenn nach § 201 StGB Verurteilte gehäuft "frei herumlaufen".

Haben sich jene Experten, die sich für eine bedingte Entlassung der Täter stark machen, je über deren Opfer Gedanken gemacht? Natürlich, es gibt Regelungen, Fristen und Prüfungen in Bezug auf bedingte Entlassungen. Kandidaten werden nicht nach Gutdünken oder dem Zufallsprinzip ermittelt. Aber was ist das für eine Botschaft an das Opfer, wenn sein Vergewaltiger beispielsweise ohnehin nicht die Höchststrafe bekommen hat und nun noch einmal begünstigt wird? Käme es sich nicht – man entschuldige bitte den Ausdruck – verarscht vor?

...an die Opfer

Anders als in anderen Ländern gibt es im Rechtsstaat Österreich zum Glück weder staatlich legitimierte Folter, Kerker noch Hinrichtungen. Unser Strafgesetzbuch unterscheidet zwischen Maßnahmen wie beispielsweise die Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher und den Strafen, also Geld- und Freiheitsstrafe.

Starkes Instrument

Meiner Meinung nach ist die Möglichkeit, einem Menschen sein Grundrecht auf Freiheit für einige Zeit zu entziehen, ein unheimlich starkes Instrument. Es ist sozusagen das Schlimmste, was unser Rechtssystem einem Rechtsbrecher antun kann. Das durch eine Geldstrafe verlorene Geld kann durch Job, Erbschaft oder Gewinne wiedererlangt werden, aber die im Gefängnis, Pardon, der Haftanstalt verbrachte Zeit gibt dir keiner mehr zurück.

Strafen sollen wehtun, sonst sind sie zwecklos. Außerdem nützen die besten Gesetze und der höchste Strafrahmen nichts, wenn sie nicht angewendet bzw. ausgeschöpft werden.

Ich appelliere an die beiden Studienautoren und die Justizministerin, sich mit diesem Thema ausführlich zu beschäftigen und von vorschnellen Lösungen Abstand zu nehmen. Sonst werde ich wohl ob meiner Studienwahl in eine tiefere Sinnkrise stürzen.

Christa Pail ist Studentin der Rechtswissenschaften an der Karl-Franzens- Universität in Graz
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