Wiener Gerichtsmediziner mit sofortiger Wirkung abgesetzt

2. Februar 2005, 12:27
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Abteilungsleiter Manfred Hochmeister hat angeblich Einnahmen des Instituts zum Teil über ein privates Konto abgewickelt

Wien - Paukenschlag an der Wiener Gerichtsmedizin: Der Rektor der Medizinischen Universität, Univ.-Prof. Wolfgang Schütz, hat Manfred Hochmeister mit sofortiger Wirkung als Leiter des Departments für Gerichtliche Medizin abgesetzt. "Das Vertrauensverhältnis war massiv gestört. Der Schritt war formal einfach notwendig", erklärte Schütz am Donnerstagabend im Gespräch mit der APA.

"Gestolpert"

"Hochmeister ist darüber gestolpert, dass er Einnahmen des Departments zum Teil über ein privates Konto abgewickelt hat", erläuterte der Rektor seine Entscheidung. Es sei zwar "weitgehend auszuschließen, dass er daran privat verdient hat", in einer leitenden Funktion könne man sich so eine Vorgangsweise aber nicht erlauben, meinte Schütz.

Nach dem Ankauf von Analysegeräten hatte er nachträglich insgesamt 8.980 Euro auf die auf seinen Namen lautende Bankverbindung überwiesen bekommen. Das Geld soll allerdings ausschließlich der Gerichtsmedizin zugute gekommen und für Kongresse, Reagenzien und Forschungszwecke verwendet worden sein.

Verschiebung von öffentlichen Mitteln nicht tolerierbar

Für Schütz liegt dessen ungeachtet "eindeutig pflichtwidriges Vorgehen" vor: Die "Verschiebung von öffentlichen Mitteln auf ein Privatkonto" sei "nicht tolerierbar." Wie Schütz betonte, wäre das Geld auch nicht der Gerichtsmedizin, sondern der Universität zugestanden. Außerdem sei es als Spende deklariert gewesen.

Gegen Hochmeister sind in diesem Zusammenhang gerichtliche Vorerhebungen wegen Untreue anhängig. Schütz betonte, er habe von der Anzeige nichts gewusst und von den Vorgängen erst in den vergangenen zwei Wochen erfahren. Über besagtes Konto seien auch Hochmeisters Einkünfte aus seiner Gutachtertätigkeit und Drittmittelabwicklungen gelaufen: "Insgesamt waren mehrere 100.000 Euro drauf."

Anonyme Anzeige

Wie bei der Staatsanwaltschaft Wien in Erfahrung zu bringen war, basieren wie Ermittlungen gegen Hochmeister auf einer anonymen Anzeige. Es wird kolportiert, diese stamme von einer jungen Kollegin, deren Berechtigung zur Tätigkeit als Sachverständige Hochmeister bezweifelt haben soll.

Schütz droht mit Schließung der Wiener Gerichtsmedizin

Der Rektor der Medizinischen Universität Wien, Univ.-Prof. Wolfgang Schütz, drohte am Freitag mit der Schließung der Wiener Gerichtsmedizin "im Extremfall", sollten sich die dort tätigen Sachverständigen nicht zu einem höheren Kostenersatz für die Nutzung der ihnen zur Verfügung stehenden Infrastruktur bereit erklären.

Einem im September des Vorjahrs veröffentlichten Rechnungshofbericht zufolge hatten die Gerichtsmediziner der Universität lediglich 15 Prozent ihrer Einnahmen für "Privatgutachten" abgeführt.Das ist nicht ausreichend und ein viel zu niedriger Betrag", erklärte Schütz auf einer Pressekonferenz.

"Wenn diese nicht zur Verfügung gestellt werden, muss man disziplinäre Maßnahmen ins Auge fassen", verkündete der Rektor. Sollte es zu keinem befriedigenden Ergebnis kommen, "würde das bedeuten, dass man den Betrieb herunterfahren und das Institut im Extremfall auflassen muss", meinte Schütz.

Eine Lösung müsse "in den nächsten Wochen" gefunden werden, ansonsten werde die Universität ihre Ressourcen nicht mehr zur Verfügung stellen, teilte Schütz mit.

Hans Goldenberg wird Nachfolger

Schütz präsentierte auch den Nachfolger für den abgesetzten Manfred Hochmeister: Hans Goldenberg, langjähriger Leiter des Instituts für Medizinische Chemie an der Universität Wien, soll interimistisch das Department für Gerichtliche Medizin führen.

Novelle hätte Transparenz bringen können

Schütz bedauerte, dass der Entwurf zu einer Novelle der Strafprozessordnung (StPO) nicht wie vorgesehen umgesetzt wurde. Demnach wären gerichtliche Obduktionen direkt an die Leiter der gerichtsmedizinischen Institute vergeben worden, die damit in weiterer Folge einzelne Gutachter betraut hätten. Damit wäre Transparenz bezüglich der Aufträge und Honorarflüsse gegeben und eine exakte Berechnung der Kosten für die Inanspruchnahme der universitären Ressourcen möglich gewesen. (APA)

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