Blaue Sherpas

11. Februar 2005, 17:05
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Jörg Haider kann sich mit der Realität nicht abfinden - Kolumne von Günter Traxler

So schnell kann das gehen. Vor einer Woche durfte Jörg Haider noch in NEWS seine schreckliche Rache an Wolfgang Schüssel mit Hilfe einer völlig neuen FPÖ androhen, eine Woche später kann dasselbe Magazin nur noch blaues Business as usual vermelden: Der Demontage des Sozialministers soll die des Vizekanzlers folgen, und ein rescher Unterführer aus Wien begibt sich angeblich auf Frontalkonfrontation mit dem allmählich verschrumpelnden Gröfaz.

Wenn das Halali zur "gigantischen Aufholjagd" kein stärkeres Echo erzeugt, werden den Wählern, die sich einmal zur Haider-FPÖ verirrt haben, im Wartesaal eher die Füße einschlafen, als dass sie sich noch einmal begeistert abholen lassen.

Mangels inhaltlicher Substanz versucht Haider dabei immer wieder, wenn der Hut zu glosen beginnt – also vor Wahlen –, die Probleme der von ihm gelenkten Partei als deren Lösung auszugeben. Eine "Wiedererkennung" der FPÖ müsse stattfinden, fordert er eben das, was der Grund dafür ist, warum sich die Wähler verflüchtigen.

Sie erkennen allmählich wieder, dass mit dem freiheitlichen Feindbild Ausländer nur die sozialen Verschlechterungen für Inländer vertuscht werden sollen. Bei manchen geht das schneller, andere brauchen dazu etwas länger, aber ein Erkenntnisprozess, den viele Menschen am eigenen Leib verspüren, ist auf Dauer weder aufzuhalten noch umzulenken.

Die Hoffnung, Bundeskanzler dieser Republik zu werden oder die FPÖ zu ihrer stärksten Partei zu machen, kann Haider nicht mehr haben – und mit der Realität kann er sich nicht abfinden: Die FPÖ ist für Wolfgang Schüssel einzig und allein als Mehrheitsbeschafferin wichtig, sonst ist sie annähernd so notwendig wie ein Kropf. Dafür bürgen die Leistungen der blauen Regierungsmitglieder einschließlich deren daraus sich ergebenden routinemäßige Ablösen.

Ihre klägliche Rolle ist die Folge der kläglichen Auftritte der meisten ihrer Regierungsmitglieder seit Beginn der schwarz- blauen Koalition. Aber eine Personalreserve von Haider- Statisten und ihr Upgrading nach der Methode Knittelfeld Schüssel als "Verrat" vorzuwerfen, ist schon skurril. Schließlich sind Koalitionspartner für ihren Bereich selbst verantwortlich, der eine ist nicht verpflichtet, den anderen zu eigenen Lasten zu fördern.

Seiner Minimalverpflichtung kommt Schüssel durchaus nach, und mehr darf man nicht erwarten: schmallippig lobt er jedes FPÖ- Regierungsmitglied weg, nachdem es von der eigenen Partei abserviert wurde, wenn eines fesch ist, übernimmt er es sogar in seinen Parteivorstand, und noch nie hat er ein ein- oder aufrückendes der Öffentlichkeit als Verschlechterung präsentiert, was in den meisten Fällen auch schwer möglich wäre. Wenn Haider das nun als die "Zerstörungswut" der ÖVP bejammert, ist das vielleicht ein Appell an das Mitleid der abzuholenden Wähler, Aufbruchstimmung klingt anders.

Es ist das bekannte Führersyndrom – wenn es schief geht, sind immer alle anderen schuld. Und weil ja schon aus Selbsterhaltung die angekündigte Rache an Schüssel nur so weit gehen darf, dass dieser zwar etwas davon liest, aber nichts davon spürt, kann dessen lautstark beklagter Verrat keinesfalls in eine entschlossene Tat der Verratenen münden, sondern höchstens in einem Rüffel für die eigene Truppe auslaufen.

Ständig stolpere sie über die viele Gefahren und Fallstricke in der Regierung wofür sie sich vom Regierungspartner auch noch heruntermachen und der Lächerlichkeit preisgeben lasse, von der "täglichen Vernichtungsbotschaft der ÖVP" ganz zu schweigen.

Da fragt sich nur eines: Wie kommt der Stifter der schwarz-blauen Seilschaft auf die Idee, die Freiheitlichen wären etwas anderes als die Sherpas der ÖVP? (DER STANDARD, Printausgabe, 28.1.2005)

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