Mutter Beimer ist kein "Möhrchen" mehr

16. Februar 2005, 13:18
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Helga Beimer ist seit knapp 20 Jahren fixer Bestandteil der "Linden­straße" - Marie-Luise Marjan im STANDARD-Interview über Erich, Hansemann und ihr Problem mit Strickjacken

STANDARD: Erinnern Sie sich an Folge 246, "Hart wie Stein", vom 19. August 1990?

Marjan: Ich passe. Ich weiß zwar, dass ich in Folge 300 geschieden wurde und in Folge 337 den ersten Kuss von Erich bekam. Aber 246? Da müssten Sie mir schon auf die Sprünge helfen.

STANDARD: Nach der Trennung von Hansemann fuhr Helga nach Paris, landete mit einer Zufallsbekanntschaft im Bett. Die am Morgen mit Mutter Beimers Geld und Schmuck verschwunden war.

Marjan: Sie war so niedergeschlagen, ich erinnere mich genau. Es war aber auch so eine Riesengeschichte: Journalisten verfolgten uns drei Tage lang und wollten unbedingt diesen Kuss auf dem Eiffelturm fotografieren. Als die Folge im Fernsehen lief, sprachen mich Frauen auf der Straße an: "Frau Beimer, ich muss Ihnen sagen: Mir ist das auch schon passiert."

STANDARD: Werden Sie heute noch bedauert, weil Hansemann Sie verlassen hat?

Marjan: Kaum, manchmal frage ich die Leute, wie sie finden, dass ich jetzt Erich Schiller wieder habe. Da geht die Meinung auseinander. Einige meinen: "Nehmen Sie mal einen Jüngeren." Sag ich: "Schreiben Sie das doch dem Herrn Geißendörfer." ("Lindenstraße"-Erfinder, Anm.)

STANDARD: Die 1000. Folge der "Lindenstraße": Was bedeutet Ihnen das Jubiläum?

Marjan: Ich bin schlicht platt, dass es schon 20 Jahre sind. Ich beginne jetzt erst, mich innerlich einzurichten. In den ersten Jahren ging es um den Aufbau, wir bezogen auch ziemliche Prügel zu Beginn.

STANDARD: Man misst Sie stets an der Rolle der Helga Beimer?

Marjan: Damit muss man sich abfinden, wenn man eine Langzeitserie macht. Es stört mich nicht. Ich achte aber darauf, dass Helga nicht immer gleich aussieht, sich äußerlich entwickelt. Da bin ich immer am kämpfen, die Regisseure wollen mich lieber in die alten Fetzen stecken. Aber Helga ist heute kein "Möhrchen" mehr. Sie ist eine Frau, die im Leben steht. Da komme ich mit meinen Wünschen oft nicht durch und muss Sachen anziehen, wie sie sich das in ihrer Serienstrategie vorstellen.

STANDARD: Rock und Bluse ...

Marjan: Strickjacken, das ist mein Thema! Was habe ich manchmal für schreckliche Strickjacken an!

STANDARD: Wie hat sich die Serie entwickelt?

Marjan: Es hat sich der Zeit angepasst. Das war früher eine breite Erzählweise, ganz langsam. Szenen, in denen Hansemann und ich im Bett liegen und uns unterhalten: Das tröpfelt dahin. Wir haben heute einen schnelleren Rhythmus, mehr Szenen in einer Folge, machen kürzere Bilder.

STANDARD: Gab es eine Anpassung an die Daily Soaps?

Marjan: Damit haben wir nichts zu tun. Wir haben einen großen Anspruch, achten sehr, dass die Emotionen stimmen. Dass echt geweint, echt gelacht wird.

STANDARD: In der "Lindenstraße" wird echt geweint?

Marjan: Es wird erwartet, dass ein Schauspieler das bringt. Unsere Polin hat das sogar mehrere Male hintereinander geschafft.

STANDARD: Sie scheinen eine Meisterin Ihres Fachs zu sein, denn Tränen drückt Helga Beimer relativ häufig.

Marjan: Als meine krebskranke Schwiegertochter gestorben ist, haben wir alle sehr geweint. Das Mädchen hat fantastisch gespielt, es war leicht. Das unterscheidet diese Serie von anderen. Wir machen kein Affentheater.

STANDARD: Die unvermeidliche Frage nach den nächsten 20 Jahren?

Marjan: Ich denke in Dreijahresschritten. Hans Geißendörfer hat von Anfang an gesagt: Ich drehe 1000 Folgen und bis ich 80 bin. Damals haben sie ihn verspottet. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.1.2004)

Zur Person

Marie-Luise Marjan wurde 1940 in Essen geboren, besuchte die staatlichen Musikhochschule Hamburg. Heute lebt sie in Hamburg und Köln. "Helga Beimer" ist bisher ihre 25. Mutterrolle.

Die Fragen stellte Doris Priesching.

Langfassung des Interviews

"Die Leute weinen richtig bei uns"

  • Artikelbild
    foto: lindenstraße/gudrun stockinger
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