Langfassung: "Die Leute weinen richtig bei uns"

16. Februar 2005, 13:18
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Die ausführliche Fassung des Interviews mit Marie-Luise Marjan

Foto: APA/dpa/Jörg Carstensen
Am 30. Jänner wird die 1000. Folge der Lindenstraße gesendet. Die erste Folge der ARD-Kultserie wurde am 8. Dezember 1985 ausgestrahlt.

STANDARD: Gleich vorweg eine schwierige Frage: Erinnern Sie sich noch an Folge 246. Sie hieß "Hart wie Stein" und lief am 19. August 1990?

Marjan: Da muss ich passen. Ich weiß zwar, dass ich in Folge 300 geschieden wurde und in den ersten Kuss von Erich bekam. Aber Folge 246, da müssten Sie mir auf die Sprünge helfen.

STANDARD: Nach der Trennung von Hansemann fuhr sie nach Paris, prompt lernte sie einen charmanten Franzosen kennen, mit dem sie auch ein erotisches Abenteuer hatte, doch am Morgen danach war er verschwunden und obendrein Geld und Schmuck von Mutter Beimer.

Marjan: Das zog sich aber auch hin. Sie war so niedergeschlagen und besuchte ihre Tochter. Ich erinnere mich ganz genau, weiß sogar noch, was ich anhatte. Ein junger Mann sprach mich an, dann landeten wir oben im Eiffelturm und schauten auf das Hotel Athene hinunter. Er meinte: Dort hin werde ich Sie ausführen, Helgas bürgerliches Herz sprang natürlich im Dreieck.

Es war aber auch so eine Riesengeschichte: Journalisten verfolgten uns drei Tage lang und wollten unbedingt den Kuss auf dem Eiffelturm fotografieren. Aber der Kuss und alles was danach passierte im Bettchen wurde in Düsseldorf im Breitenbacher Hof nachgeholt. Ich weiß noch wie heute, wie ich da saß im Hemdchen im Bett. Es ist frühmorgens, draußen donnert es, sie fasst nach ihm und sieht, Jan ist weg. Jan! Jan, wo bist du? Als diese Folge im Fernsehen lief, haben mich Frauen auf der Straße angesprochen: "Frau Beimer, ich muss Ihnen was erzählen: Mir ist das auch schon passiert im Urlaub."

STANDARD: Es war eine ganz dunkle Zeit für Helga Beimer.

Marjan: Ich gestehe: ich war damals innerlich empört. Aber nicht nur ich: In Bamberg sind deshalb 500 Leute auf die Straße gegangen: Hansemann und Taube sollen wieder zusammen kommen! Womit hat sie das verdient! Denn ich war ja so eine anständige Frau, wir begannen ja ganz bürgerlich. Es gab nur die Sorgen der Kinder, und dann kam das Schreckliche mit dem Mann. Ich hatte mich wahnsinnig darüber aufgeregt, dass man uns auseinander trieb.

STANDARD: Es zog sich ewig hin.

Marjan: Aus Helgas Biographie ist es aber zu verstehen, dass sie nicht loslassen konnte. Sie wollte ihr ideales Bild von Ehe behalten und nicht einsehen, dass ihr Mann zu einer anderen Frau wollte. Deshalb hat sie so geklammert, das ist realistisch. Mittlerweile bestimmt sie auch selber ihr Leben.

STANDARD: Dramaturgisch steuert im Moment alles auf einen Höhepunkt zu. Was waren Ihre Höhepunkte in 20 Jahren "Lindenstraße"?

Marjan: Ich spiele eine bürgerliche Figur, ich habe nicht so dramatische Sachen. Aber Helga Beimer ist eine Figur, mit der sich viele Frauen identifizieren. Und insofern ist sie unverzichtbar: Hochzeit und Scheidung sind nun einmal ganz wichtige Themen im Leben einer Frau. Als Klausi in der Neonazi-Szene war hat mir das persönlich nicht so gepasst. Ich wäre nicht so passiv gewesen, hätte mich schon eingemischt.

STANDARD: Was bedeutet Ihnen das Jubiläum?

Marjan: Ich muss gestehen, dass ich platt bin, dass es schon 20 Jahre sind. Ich beginne jetzt erst, mich innerlich einzurichten. In den ersten Jahren ging es um den Aufbau, wir bezogen auch ziemliche Prügel zu Beginn.

STANDARD: Sie sind Unicef-Botschafterin, schreiben Bücher und spielen in Fernsehfilmen. Lindenstraße allein war auf die Dauer doch zu wenig?

Marjan: Ich habe acht Jahre lang nur Lindenstraße gemacht, danach sagte ich zu Geissendörfer, ich muss etwas anderes machen. Nach so langer Zeit brauchte ich die Inspiration wieder einmal woanders sich zu überprüfen. Er erlaubte, es durften aber keine Serien sein und keine Helga-Typen.

STANDARD: Man misst Sie immer an der Rolle der Helga Beimer?

Marjan: Das stört mich überhaupt nicht. Das ist dasselbe mit Benny, meinem Sohn in der Lindenstraße, er verbrachte seine ganze Jugend und Pubertät dort. Dann war er ein erwachsener junger Mann, verließ uns weil er nicht mehr Benny Beimer sein wollte. Aber er ist es heute noch. Damit muss man sich abfinden, wenn man eine so große Langzeitserie macht.

Ich achte auch immer darauf, dass Mutter Beimer nicht immer gleich aussieht, auch äußerlich eine Entwicklung hat. Da bin ich auch immer am kämpfen, weil sie wollen mich auch immer in die alten Fetzen stecken. Ich sage dann immer: Passt das doch an, sie ist kein "Möhrchen" mehr. Sie ist eine Frau, die im Leben steht. Sie hat ein eigenes Büro, einen eigenen Beruf, eine zweite große Liebe, zieht sie modisch und neu an, so wie sie ist. Das hat immer gewisse Grenzen. Da komme ich mit meinen Wünschen oft nicht durch und muss dann die Sachen anziehen, wie sie sich das innerhalb ihrer Serienstrategie vorstellen.

STANDARD: Rock und Bluse zum Beispiel ...

Marjan: Es gibt wunderbar fein, eng am Körper anliegende Blusen. Es gibt fantastische Blusen, eben habe ich mir eine von Delmond gekauft. Die sitzt hervorragend, ich werde sie wahrscheinlich bei Beckmann tragen. Strickjacken, das ist mein Thema, Gott, was habe ich manchmal für schreckliche Strickjacken an! STANDARD: Wie hat sich die Serie entwickelt? Marjan: Sie ist moderner geworden. Das war früher eine breite Erzählweise, ganz langsam. Szenen, in denen Hansemann und ich im Bett liegen und uns unterhalten: Das tröpfelt ganz langsam, das ist alles ganz breit. Das hat sich sehr verändert. Wir haben einen viel schnelleren Rhythmus, viel mehr Szenen in einer Folge, machen kürzere Bilder. Es hat sich der Zeit angepasst.

STANDARD: Hängen Sie dem nach?

Marjan: Nein, diese breite Erzählweise ist nicht mehr adäquat. Der Mensch hat gar nicht mehr die Ruhe, so lange hinzuschauen, bis sich da einer umdreht. Dann steht er schon auf und macht sich ein Butterbrot und schenkt sich einen Kaffee ein.

STANDARD: Gab es eine Anpassung an die Daily Soaps?

Marjan: Daily Soap ist flach fotografiert, da sagen die ihren Text, stellen sich vor eine Wand und es wird 1:1 gemacht. Dann ist die Geschichte fertig in einem Tag. Damit haben wir nichts zu tun. Wir haben einen großen Anspruch an das Licht, wir achten sehr darauf, dass die Emotionen stimmen. Dass echt geweint, echt gelacht wird. Dass die Emotionen szenisch vorbereitet werden.

Wir hatten gestern zum Beispiel eine Szene, die im Drehbuch nicht ganz schlüssig war. Dann haben wir uns einfach mehr Zeit genommen, um diese Szene so zu entschlüsseln, dass sie nachher hundertprozentig war. Ich darf nicht zu viel verraten, aber Hans, Erich und ich kriegen ein neues Mädchen. Die Entwicklung einer Figur muss über einen langen Zeitraum angedacht sein. Deshalb bekommen wir auch die Drehbücher ein halbes Jahr vorher.

STANDARD: In der Lindenstraße wird echt geweint?

Marjan: Die Leute weinen richtig bei uns, es wird auch erwartet, dass ein Schauspieler das bringt. Das tun sie auch, außer es klappt technisch etwas nicht und wir müssen die Szene fünfmal wiederholen. Dann ist es erlaubt auch mit einem Tränenstift nachzuhelfen.

Grundsätzlich wird aber gut vorbereitet, der Schauspieler wird emotional an seine Grenze geführt, in der es zum Weinen kommt, nicht in der Probe, nicht in der Generalprobe, aber wenn die Klappe fällt, dann hat er zu weinen. Unsere Polin hat das sogar mehrere Male geschafft.

STANDARD: Sie weinen ja ziemlich oft.

Marjan: Als meine krebskranke Schwiegertochter Maja gestorben ist, haben wir alle sehr geweint. Das Mädchen hat so fantastisch gespielt, da war es leicht zu weinen. Das unterscheidet diese Serie von anderen. Wir machen kein Affentheater.Ich finde, dass die Lindenstraße sehr viel Geschmack hat. Sie ist mutig und trotzdem nicht verletzend.

Ich erinnere an die Szene mit dem Olaf Kling. Die Mary hat ihm den Schwanz abgeschnitten, weil der wollte sie vergewaltigen. Sie kam in die Wohnung und hatte die Geflügelschere unter ihrem Kleid versteckt. Ich ging im Treppenhaus runter, hatte auch eine Enttäuschung hinter mir, weil mein Mann mit meiner besten Freundin fremd gegangen war und wollte aus Wut sein Auto zerkratzen. Es war eine Parallelsituation. Wir begegneten uns im Flur und hatten so einen einvernehmlich verschwörerischen Blick. Dann ging ich und zerkratzte das Auto, und sie ging zum Olaf in die Wohnung.

Im Buch war die Szene beschrieben: Das Blut sollte nur so spritzen. Ich erinnere mich, dass sich der Regisseur Witt weigerte, das so zu drehen. Er hat es wunderbar gemacht: Die Mary nestelte an ihm rum, und man sieht nur sein Gesicht. Seine Erwartung, seine Vorfreude, seine Geilheit und seine Lust und dann auf einmal holt er Luft, die Augen verdrehen sich, er stößt einen unglaublichen Schrei aus und jeder weiß, was los ist. Das ist viel stärker, und das nenne ich Geschmack.

STANDARD: Wann wird die Lindenstraße gedreht?

Marjan: Wir drehen die ganze Woche. Was aber die wenigstens wissen: sie spielt an einem Donnerstag. Ich bin in 32 Folgen von 52, die Drehtage sind verteilt. Manchmal habe ich ganz viel zu tun, jetzt im Jänner habe ich nur zwei Drehtage, dafür habe ich jeden Tag Pressetermine. Im Sommer haben wir sechs Wochen frei.

STANDARD: Dann haben Sie überhaupt nie Urlaub?

Marjan: Ich bin Vollblutschauspielerin.

STANDARD: Die unvermeidliche Frage nach den nächsten 20 Jahren?

Marjan: Ich denke immer in Dreijahresschritten. Sie dürfen nicht vergessen ich werde im August 65. Hans Geißendörfer hat von Anfang an gesagt: Ich drehe 1000 Folgen, und ich drehe, bis ich 80 bin. Da haben sie ihn verspottet.

STANDARD: Wie sehr hatten Sie die eigene Versorgung im Hinterkopf als sie vor 20 Jahren zusagten?

Marjan: Geißendörfer wollte ursprünglich nur unbekannte Schauspieler, ich hatte damals schon einige Rollen und war bekannter als die andern. Irgendwann holte er mich nach München, gab mir die Drehbücher und sagte: "Alle sagen, Sie sind Mutter Beimer. Jetzt spielen Sie in Gottes Namen diese Rolle." Dann war die bayerisch geschrieben, und ich sagte zu ihm: "Ich kann das nicht, ich bin ein Mädchen aus dem Ruhrgebiet. Wenn ich volkstümlich sein soll, kann ich das mit meinem Dialekt leicht ausfüllen, aber bayerisch bin ich nicht." Dann explodierte er und sagte: "Machen Sie mit der Rolle, was Sie wollen, nur spielen Sie sie!"

Ich dachte nie daran, versorgt zu sein. Im Gegenteil, für mich war die lange Bindung ein Horror. Erst nach einer Weile, als ich in der Serie war, kriegte ich einen Geschmack daran, kontinuierlich etwas zu leben. Dazu kam das kämpferische, sich für dieses Baby einzusetzen. Nach dem ersten halben Jahr wollte niemand etwas von uns wissen. Allmählich fingen sie an, gut zu schreiben.

STANDARD: Werden Sie heute noch bedauert, weil Hansemann Sie verlassen hat?

Marjan: Manchmal frage ich die Leute, wie sie finden, dass ich jetzt den Schiller wieder habe. Da geht die Meinung merkwürdig auseinander. Es gibt einige, die meinen: "Nee nee, nehmen Sie mal einen Jungen." Sag ich, schreiben Sie das doch dem Herrn Geißendörfer.

Zur Person

Marie-Luise Marjan wurde 1940 in Essen geboren, besuchte die staatlichen Musikhochschule Hamburg. Heute lebt sie in Hamburg und Köln. "Helga Beimer" ist bisher ihre 25. Mutterrolle.

Die Fragen stellte Doris Priesching.

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