Habemus Steirereck!

2. Februar 2007, 10:22
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Das "Steirereck", Österreichs bekanntestes Gourmet-Restaurant, hat in der Meierei im Stadtpark neu eröffnet. Und vermag in vieler Hinsicht zu überraschen

Das "Steirereck" hat es wieder einmal allen gezeigt. Denn das berühmteste Restaurant Österreichs sperrte nicht einfach nur auf und machte in einem etwas moderneren Umfeld weiter wie bisher; es kam auch weder zum von einigen prophezeiten Generationenkonflikt des bisherigen Küchenchefs Helmut Österreicher mit Heinz Reitbauer junior, noch zum von Verschwörungstheoretikern gern konstruierten Split-off von prominenten Teilen der Belegschaft.

Stattdessen stellt das neue "Steirereck" in der Stadtpark-Meierei in seiner Komplexität und Dimensionalität alles in den Schatten, was es in Österreich bisher gegeben hat, eine kulinarische Erlebniswelt, noch um eine Stufe intensiver als "Taubenkobel" und "Hanner": In einer so genannten "ess.bar", einem bunten Raum mit orangen Glasfliesen, rotem Murano-Luster mit Korallen-Optik und einem einzigen großen Hochtisch in Gold, speist man ohne Reservierung, und zwar einzelne Gänge aus den Menüs oder Kreationen, die sich noch in der Experimental-phase befinden. "Weil schließlich will man ja vom Armani hin und wieder auch nur ein Halstuch und nicht gleich einen ganzen Anzug", meint Heinz Reitbauer.

Und auch wenn sich die meisten erwartet hätten, dass das "Steirereck" einfach übersiedeln werde, hätte ihm diese Location eigentlich gar keine andere Wahl gelassen, als mehrere Schienen zu fahren. Neben dem "klassischen" Restaurant und "ess.bar" (das Restaurant hält sich in dezentem Grau, auf Elemente zeitgenössischen Designs wird fast völlig verzichtet) ist das zum Beispiel das so genannte "Steirereck light", eine gemüsebetonte Mittagslinie in der preislichen Kampfklasse bis 18 Euro und nicht zuletzt das mutigste Element des gesamten Ensembles, das Käse-Restaurant "Meierei".

Kein wirklicher Markt

Auch wenn es für ein eigenes Käse-, Mehlspeisen- und Milch-Lokal (ja, auch Stuten-Milch) noch nicht wirklich einen Markt in Österreich gebe, so Reitbauer, wollte er den Wienern ihre frühere Milchtrinkhalle einfach wieder zurückgeben. Um sie in Szene zu setzen, wurden nicht nur die 150 Käse aus 13 Ländern spektakulär in zwei riesigen Schau-Reiferäumen platziert, Milchflaschen zu Leuchtkörpern umfunktioniert und Käse-Sommelier Herbert Schmid mit gleich vier Käsewagen ausgestattet, man bediente sich auch der am Pogusch schon äußerst erfolgreich praktizierten Kulinar-Interaktivität, zum Beispiel indem man sich das Brot nicht nur selbst aussuchen, sondern auch selbst herunterschneiden kann.

Aber auch bei der "Software" waren die Reitbauers kreativ: Das so genannte "Zeit-Küche"-Menü, welches abends neben einer Gangfolge aus neu interpretierten Wiener Klassikern serviert wird (beide Menüs € 95,-) besteht nominell aus sechs Gängen, tatsächlich aber mindestens aus zwölf, da jeder "große" Gang von ein oder zwei thematisch passenden "Auftakt"-Gängen eingeleitet wird. Also etwa zuerst eine Erdäpfel-Koriandersuppe mit Paprika-Eis und danach ein in Erdäpfel gebackenes Ei vom Zwerghuhn mit Saiblingskaviar; oder gebratenes Bries vom Milchlamm mit Knoblauch und Lemongrass und danach das Pogusch-Lamm mit Zitronenzesten gebraten und Melanzani-Polenta - nebenbei das beste Lamm, das in Wien derzeit zu bekommen ist.

Rauchverzicht

Dass der Wunsch nach Rauchverzicht bis 22.30 Uhr bei den bisherigen "Steirereck"-Gästen durchzusetzen sein wird, ist freilich ebenso anzuzweifeln wie das Vorhaben, auch weiterhin am Samstag geschlossen bleiben zu wollen - worüber sich außer der Konkurrenz des "Steirerecks" eigentlich niemand freut. Auch die Symbole an den Toiletten - größere und kleinere Kronen - könnten eine Verdeutlichung brauchen, Missverständnisse waren in den ersten Tagen kein Einzelfall. Und natürlich hätten andere Designer anderes Design gemacht. Aber erstens hält sich der Änderungsschock - auch das alte "Steirereck" zählte nicht gerade zu den optisch schlichtesten Restaurants - somit in Grenzen, und zweitens gibt es wohl wenige Restaurants im Lande, wo gestalterische Details unwichtiger sind als hier. (Florian Holzer/Der Standard/rondo/28/01/2005)

Steirereck, Im Stadtpark, 1030 Wien, Tel.: 01 / 713 31 68, Mo-Fr 19-24 Uhr; Steirereck light, Mo-Fr 11-17 Uhr, ess.bar Mo-Fr 19-24 Uhr, Meierei Mo-Fr 14-24 Uhr (hier keine Reservierung möglich, keine Kreditkarten)

Steirereck
  • Das neue Steirereck in der Meierei im Wiener Stadtpark: Gourmet-Erlebnisgastronomie.
Foto: Gerhard Wasserbauer
    foto: gerhard wasserbauer

    Das neue Steirereck in der Meierei im Wiener Stadtpark: Gourmet-Erlebnisgastronomie.
    Foto: Gerhard Wasserbauer

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