Geiselnahmen hinter Gittern: Gefahr steigt

3. Februar 2005, 10:52
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Überfüllung der heimischen Gefängnisse lässt die Verantwortlichen unruhig werden - Mit Kommentar

Wien/Linz - Die Überfüllung der heimischen Gefängnisse lässt die Verantwortlichen unruhig werden. Die Gefahr von Zwischenfällen wie Geiselnahmen steigt, befürchtet man im Justizministerium. Mit Großübungen wie am Mittwoch in Wien sollen die Einsatzkräfte vorbereitet werden.

"Je größer das Missverhältnis zwischen Personal und der Zahl der Häftlingen ist, desto schwieriger wird es. Die Lage ist derzeit labil", beschreibt Karl Drexel vom Justizministerium bei einer Pressekonferenz anlässlich des Manövers in der Justizanstalt Wien-Josefstadt die Lage in den heimischen Haftanstalten. Daher werde derzeit verstärkt auf die Möglichkeit von Geiselnahmen eingegangen, erst vor fünf Wochen fand eine ähnliche Übung in Klagenfurt statt.

Beamte übten "realen" Ablauf

In Wien spielten Beamte von Polizei und Justizwache die Annahme durch, dass drei Häftlinge zwei Zivilisten und ein Mitglied der Wachmannschaft in ihre Gewalt bekommen haben - ein ähnliches Szenario hatte sich beim vorerst letzten realen Fall im Jahr 1996 in Graz-Karlau ereignet. Nur sechs Personen waren in die Übung eingeweiht, für die Polizei ergaben sich interessante Erkenntnisse: So funktionieren Handys nicht im ganzen Gefängnis.

Umstrittene Studie

Die am Montag von Linzer Strafrechtsexperten erhobene, durch eine Studie untermauerte Forderung nach mehr bedingten Entlassungen rief unterschiedliche Reaktionen hervor. Im Justizministerium sieht man Chancen: "Auch wir wollen dieses Rechtsmittel in Zukunft mit entsprechender Begleitung deutlich verstärkt einsetzen. Nicht aber als Maßnahme, die überfüllten Gefängnisse zu leeren, sondern als geeignetes Mittel für eine erfolgreiche Resozialisierung", erklärte Christoph Pöchinger, Sekretär von Justizministerin Karin Miklautsch.

Die Bewährungshilfe Neustart kritisierte die Studienaussage, bedingte Entlassungen hätten keine erzieherische Wirkung. "Für Strafgefangene ist sie ein entscheidender Motivationsfaktor", meint Andreas Zembaty von Neustart. Es müsste auch für mehr als die derzeit sieben Prozent der Entlassenen Bewährungshilfe geben. (moe, mro, DER STANDARD Printausgabe 27.1.2005)

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    Drei Geiselnehmer, drei Geiseln und mehrere Dutzend Exekutiv- beamte: Am Mittwoch wurde in der Justizanstalt Josefstadt der Ernstfall geübt

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