"Die Brautjungfer": Die Fanatiker der Liebe

26. März 2005, 22:04
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Claude Chabrols "Die Brautjungfer" erzählt von der Leidenschaft eines Mannes für eine Frau, die seine Moral auf den Kopf stellt

"Die Brautjungfer", der bereits 66. Film des französischen Regisseurs Claude Chabrol, erzählt von der Leidenschaft eines Mannes für eine Frau, die seine moralischen Überzeugungen auf den Kopf stellt.


Wien – Die Steinbüste einer jungen Frau ist das erste Objekt einer merkwürdigen Leidenschaft. Philippe (Benoît Magimel) sieht zunächst skeptisch zu, wie seine Mutter Christine (Aurore Clément) das Familienstück an ihren Liebhaber verschenkt. Später wird er in dessen Garten einsteigen und die Skulptur wieder an sich nehmen. Er stellt sie auf seinem Schreibtisch ab und blickt sie verliebt an; nachts holt er sie zu sich ins Bett, umarmt sie, bisweilen küsst er sie sogar.

Die Büste stellt in Claude Chabrols neuem Film Die Brautjungfer / La demoiselle d'honneur, seiner bereits 66. Regiearbeit, einen Moment der Demarkierung her. Wie bei Hitchcock bewirkt er in einer scheinbaren Normalität eine Irritation, der dann langsam und stetig Nachahmer folgen. Über den kleinbürgerlichen Familienverhältnissen liegt ohnehin ein Verdacht, manche Töne klingen befremdlich: die aufopfernde Mutter, zu der der Sohn eine (zu) innige Zuneigung empfindet; die beiden Schwestern, eine brav, die andere unangepasst; eine Musik, die von Bedrohungen erzählt, die gar nicht da sind.

Chabrol führt einen von Anfang an auf falsche Fährten. Mit der verschmitzten Souveränität, die wohl das Alter mit sich bringt, bedient er sich einer Vorlage der Krimiautorin Ruth Rendell, an der ihn der "Fall" am allerwenigsten interessiert. Seine Suspense-Muster enden in Sackgassen, in die wir ihm nur zu gerne folgen. Am Weg dorthin entdeckt er die Schattenseite seiner Figuren: unterdrückte Begierden; die Lust, Verbote zu übertreten, oder auch die Fadenscheinigkeit jedweder Moral.

Die Brautjungfer ist eine Art Variation des Pygmalion-Mythos. Senta (Laura Smet), die Titelfigur, taucht spät im Film auf, dafür reißt sie sich gleich die Kleider vom Leib und gesteht Philippe ihre bedingungslose Liebe. Er wiederum verfällt ihr auf der Stelle, auch, weil er in ihrem Gesicht jenes der Büste wiederentdeckt. Es ist der Beginn einer Amour fou, die – ein bewährter Topos von Chabrol – davon erzählt, wie ein Mensch in die Bannkraft eines anderen gerät und wie aus solchen sozialen Spannungen ein Verbrechen hervorgehen kann.

Fatal aufrichtig

In der mysteriösen Senta begegnet Philippe nämlich einer Person, deren Moral seinen eigenen Überzeugungen zuwiderläuft: Wo er sich an gesellschaftliche Normen hält, stellt sie diese infrage und ihre Liebe darüber. "Sei nicht immer so mythomanisch", wirft ihr Philippe vor, realisiert dabei jedoch nicht, dass es gerade ihre absolute Aufrichtigkeit und ihr romantischer Fanatismus sind, die sie ihm so attraktiv erscheinen lassen. Smet – die Tochter von Nathalie Baye und Johnny Hallyday – verleiht Senta geradezu dämonische Züge.

Die Treffen der beiden setzt Chabrol in einem Zwischenreich aus Realität und Fantasie an. Sentas Wohnung gleicht einer Gruft, sie liegt im Tiefparterre eines alten Hauses, das fast leer steht. Das surreale Gebäude stellt die Grenze zu Philippes kleinbürgerlicher Welt dar: Übertritt er sie, droht er sich endgültig zu verlieren. Das Schöne an Der Brautjungfer aber ist, dass er keiner der beiden Welten den Vorzug gibt. Chabrol demontiert keine bürgerlichen Fassaden mehr, er fragt sich auf spielerische Weise, ob es auch ein Maß für die Liebe gibt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.1.2005)

Von
Dominik Kamalzadeh

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bacfilms.com/ demoiselle

  • Eine eigensinnige junge Frau, die ihre Liebe über alle Gesetze stellt: Laura Smet ist Claude Chabrols "Brautjungfer", Benoît Magimel verfällt ihr
    foto: concorde

    Eine eigensinnige junge Frau, die ihre Liebe über alle Gesetze stellt: Laura Smet ist Claude Chabrols "Brautjungfer", Benoît Magimel verfällt ihr

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