Weltsozialforum in Brasilien eröffnet - 100.000
Teilnehmer beraten Widerstand gegen
Neoliberalismus und Krieg
Mit einer bunten Demonstration und einem Konzert hat
am Mittwochabend das fünfte
Weltsozialforum begonnen.
Afrobrasilianische Trommler,
Attac-Aktivisten aus Europa,
US-Gewerkschafter und Puppenspieler aus Australien zogen aus dem Zentrum Porto
Alegres auf ein Konzertgelände. Gilberto Gil und Manu
Chao waren die Stars des
Abends.
"Eine andere Welt ist möglich"– unter diesem Motto
sind wieder mehr als 100.000
Globalisierungskritiker aus
sämtlichen Kontinenten in
Südbrasilien zusammengekommen. Die Menschenrechte und der Widerstand gegen
Neoliberalismus und Krieg
stehen auf der Agenda.
Aus dem indischen Mumbai
brachten die Organisatoren
die Einsicht mit, dass es weniger auf große Namen als auf
Querverbindungen zwischen
den Basisaktivisten ankommt.
Dennoch werden mit Spannung der portugiesische
Schriftsteller José Saramago,
sein Kollege aus Uruguay,
Eduardo Galleano und der Befreiungstheologe Leonardo
Boff erwartet. Schon im Vorfeld regte Boff an, das Forum
solle ein, zwei konkrete internationale Kampagnen anstoßen, etwa gegen die Wasserprivatisierung oder gegen die
Kriege in der Welt.
Die Vernetzung und Bündelung der Aktivitäten würden
diesmal durch die neue Veranstaltungsstruktur erleichtert,
hofft Antonio Martins von?
Attac-Brasilien: "Das Forum
wird noch horizontaler, aber
auch dichter." Entsprechend
finden die gut 2000 Veranstaltungen in elf Themenbereichen und fünf "Querschnittsachsen" statt.
Die Kritik von Brasiliens
Präsident Luiz Inácio "Lula"
da Silva, das Forum drohe zu
einer beliebigen "ideologischen Messe" zu verfransen,
lässt Martins nicht gelten:
"Der nicht hierarchische Charakter und die Themenvielfalt
sind ja gerade unsere Stärke."
Auch João Pedro Stedile, der
Kopf der brasilianischen
Landlosenbewegung MST,
sagt: "Das Forum bleibt vor allem ein Raum der Begegnung
für Intellektuelle, Organisationen und soziale Bewegungen." Hunderte Kleinbauern
vom Dachverband Vía Campesina berieten über einen Zeitplan für die Mobilisierung
gegen Gentech-Konzerne und
die Liberalisierung des Weltagrarhandels.
Auf einem gut vier Kilometer langen Streifen entlang des
Guaíba-Sees erstrecken sich
über 200 Zeltbauten. Großveranstaltungen gibt es nur noch
außerhalb des offiziellen Programms: Lula, von 2001 bis
2003 einer der umjubelten
Stars von Porto Alegre, stellt
heute in einer Sporthalle seine
Initiativen gegen den Hunger
und eine Zwischenbilanz seiner zweijährigen Regierungszeit vor. Schon während der
Auftaktdemonstration protestierten Mitglieder brasilianischer Linksparteien lautstark
gegen seine Wirtschaftspolitik.
"Lula stellt die Affirmation
des Alten dar", sagte die Abgeordnete Luiciana Genro. Der
Präsident liege nun ganz auf
der "Davoser Linie", meint
Genro, die Ende 2003 aus der
regierenden Arbeiterpartei
ausgeschlossen wurde. "Er
glaubt nicht mehr , dass eine
andere Welt möglich ist".
Für Genro ist nun Hugo
Chávez der größte Hoffnungsträger in Lateinamerika: "Chávez bezieht klar Stellung
gegen den US-Imperialismus
und den Großgrundbesitz."
Der venezolanische Staatschef
wird am Sonntag erwartet.
Indes beschloss der Internationale Rat, in dem über 100
Organisationen vertreten
sind, das Forum im kommenden Jahr zu dezentralisieren.
"So kann es in verschiedenen
Teilen der Welt Wurzeln
schlagen", erklärte der Brasilianer Sérgio Haddad. 2007
soll das Weltsozialforum erstmals in Afrika stattfinden. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.1.2005)
Gerhard Dilger aus Porto Alegre