Das Belassen der Dingordnung: eine putzökonomische Pflicht

21. Februar 2005, 12:44
1 Posting

Sabine Hassinger führt die Anord­nung der Dinge als Herrschaftsordnung zwischen Fremd- und Privateigentum vor Augen

Die Vermittlung von Atmosphäre gelingt, wenn die Sprache den Dingen und ihren Relationen untereinander nachgibt. Mit der Bildung von Assoziationsketten um Utensilien, mit denen die Relationen am Leben erhalten werden (mit Sprachrelationen also), könnte das bewerkstelligt werden; der Hintergründigkeit von Dingordnungen und –anordnungen selbst käme man dabei freilich noch nicht auf die Spur. Will man letzteres nun als Dichter - oder aber als jemand anderer, der mit ihrer Anordnung physisch zu tun hat, der sich zu fertigen Dingen zwangsläufig bekennt, weil sie sein Gegenstand sind? Nun ja, der Dichter mag tatsächlich so etwas ähnliches unternehmen (während die Analytikerin doziert: "So nicht! Nicht beliebig, sondern mit Ursachenforschung den Dingen auf den Grund gehen!"); doch da sind noch die Putzfrauen. Die wischen ja von Sache zu Sache und schaffen alles an seinen rechten Ort. Sie beide also (und die Analytikerin, wie ein "Überich" immer dabei) begeben sich von Ding zu Ding und halten die Bezüge in Ordnung, indem sie die Dinge ordentlich halten, und das mag ersterem bewusster sein, den Putzen aber doch wohl eher nicht.

Was nun im Kopf einer Putze vor sich geht, die eine Literatin ist, noch dazu eine Psychologin (noch dazu eine, die den Terminus "AnalytikerIn" wie ein steiniges Gewicht mit sich schleppt, das eines einer anderen Person ist, das aber so schwer wiegt wie das überlieferte "Überich"), führt in meisterlicher syntagmatischer Verknüpfung von Putzgedanke, Dingrepräsentation und Arbeitsatmosphäre Sabine Hassinger in ihrer Prosa Putzbuch vor. Der Titel baut ein beklemmendes Gefühl von Hausfrauenmentalität und Tratschtantengeschwätz auf, blassen Gesichtern in billiger Kleidung, grauen Büros und Geruch nach Seifenlauge. Es stinkt nach Drückebergerwerk. Nach etwas, was man nur zu gerne abgibt, wenn man es sich leisten kann. Der Text ist aber ganz anders, schleift diese Atmosphäre nur als notwendiges Übel mit.

Putzutensilien haften sich an Putzobjekte wie Patches, die das Leben im Alltag bereithält. Putzwerk begegnet auf allen Dingen, ob fremd oder privat, öffentlich oder intim, drinnen oder als Makrostruktur oder Halden. Den Unterschied machen die Besitzverhältnisse: Putzobjekte sind unten, ökonomisch betrachtet ist schon das Bücken ein Aufwand, denn "das Bücken bewirkt einen hohen Energieverlust wird als verlorene Arbeit gesehen". Die Betätigung der Utensilien, das Reinigen-von ist gleichzeitig "Selbstabwasch", Selbstbefragung der Musiktherapeutin Sabine Hassinger. Die Akademikerin ist in die Tiefe getaucht, ohne einen Tiefenrausch zu bekommen; reißt sich gedanklich wieder und wieder heraus wie Hundehaare aus dem Teppich, findet sich auf dem Arbeitsamt wieder und wird dort für einen Moment dem Partner der Putzherrin gleich, latentes sexuelles Objekt, zumindest projektiv: Einmal lernte er ein Computerprogramm (Software!), als sie Staub entfernte (an Hardware!). Umgekehrt projiziert sie sich selbst als klassisch reduziertes Sexualobjekt: Sie, welche die Körper in Schuss hält, wie ein Aufwaschlappen den Boden. Hat für sie das Amt keinen Kurs, läuft sie weiter dem Staub des Lebens hinterher. Dessen Entfernung auf sich selbst zu übertragen gelingt nur im Privatbereich - bei dieser Frau ist mit Musik zumal das Putzen der Dinge dem "Putzen der Töne" nicht vergleichbar, doch immerhin gelingt die Analogisierung. Das ist schon etwas, solche Erhöhung des Jobs macht ihn erträglich, ist die gelungene Verdrängung.

Doch es spuckt der bewusste Geist weiterhin Stratifikationen und Ordnungsprinzipien von Fremdeigentümern aus. Wenn die Putzherrin weiter oben ist und die Putze geistig auch oben ist, wird das Fremdobjekt auch höher veranschlagt: "ihr entdeckt einen Höhenunterschied den die Zeit ausgleichen wird sagt sie du richtest dich nach dem Sprechverlangen der Herrin bleibst unten bei den Sachen oder klopfst höher Veranschlagtes innen aber einmal trägt der Handwerker Hundekot rein fängst ganz tief wieder an". Es wird in Arbeit verwandelt. Solchermaßen mit Mehrwert beladen, werden die toten Objekte verführerisch: Fremdes lässt sich einverleiben. Und öffentlich lässt sich so manches beherrschen, Ordnung von jedermann machen, etwa beflecken, ausspucken wie Kirschkerne. Ökonomie hat hier auch die Komponente des Verfall-Aufhaltens: Nur der Verfall sichert die Lebensbedingung der Putze. Versteht man die Selbstsublimierungsversuche analog als Bremse geistiger Degeneration, so tritt die (eingebildete?) Dialektik der Putztätigkeit klar zutage.

Letztlich ist es die Befindlichkeit zwischen Analytikertum und Prostitution, die hier für das männliche und weibliche Prinzip stehen mögen und der Intelligenten die Situation doch unerträglich machen. Am Ende findet sie sich tatsächlich bei einer Analytikerin, die Sessel unwillkürlich so verschiebend, wie sie, nunmehr selber "Putzobjekt", es wünscht; findet sich am anderen Ende der Dingkette als Herrschaftsordnungssymbol. Das Putzbuch eröffnet die reinste Putzökonomie, die ohne den Logozentrismus mit seinen phallokratischen Momenten nicht zu denken ist.

Von Gastautorin Marietta Böning
  • Sabine Hassinger:
Putzbuch
Ritter Verlag 2004
ISBN 3-85415-356-2
€ 13,90
    foto: standard/matthias cremer
    Sabine Hassinger: Putzbuch
    Ritter Verlag 2004
    ISBN 3-85415-356-2
    € 13,90
Share if you care.