Kommentar: Schatten und Gespenster

25. Februar 2005, 18:57
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Jakow Vinnitschenko, einer letzten noch lebenden Soldaten der Roten Armee, die das KZ von Auschwitz befreiten, schildert seine Eindrücke

Nur noch fünf Leute von den drei sowjetischen Divisionen, die im Jänner 1945 das Konzentrationslager Auschwitz befreit hatten, sind heute noch am Leben. Ich bin der jüngste - ich war erst 19 Jahre alt, als der Krieg beendet wurde. Aber diese Ereignisse, die mehr als 60 Jahre zurückliegen, sind noch immer frisch in meinem Gedächtnis, als ob es gestern erst passiert wäre.

Ich komme aus Vinitsa in der Ukraine. Aber meine Mutter hat mich 1934 wegen der Hungersnot nach Moskau gebracht. Im Sommer 1941 war ich in der Ukraine bei meinem Großvater, um ihm mit seinem Gemüsegarten zu helfen. Ich bin am 21. Juni angekommen und am nächsten Tag haben wir seine Kuh zum Markt gebracht. Zu Mittag hörten wir über den Lautsprecher, dass der Krieg begonnen hätte. Geld wurde augenblicklich wertlos. Wir hätten doppelt soviel für die Kuh bekommen sollen, aber es war zu spät.

Obwohl ich erst 15 Jahre alt war, wurde ich sofort eingezogen. Zuerst waren wir in der Reserve, aber als ich 17 wurde, kam ich an die Front. Meine Feuertaufe war im Jänner 1943, als wird die Deutschen aus Voronezh jagten. Im nächsten Monat haben wir Kursk befreit, es war ein Blutbad: Ein ganzes Regiment wurde in drei Stunden ausgelöscht. Später erlitt ich in der Schlacht um Kursk eine schwere Brustverletzung. Als ich wieder hergestellt war, kam ich wieder zu meinem Regiment, das unter dem Kommando von General Vasily Petrenko stand, der vor kurzem gestorben ist. Er war ein großartiger Kommandant. Unter ihm haben wir im Sommer 1944 Lemberg und am 19. Jänner Krakau befreit, eine wunderschöne alte Stadt.

Hohe Verluste

Gegen 4 Uhr am 27. Jänner näherten wir uns Auschwitz, einer kleinen Stadt an der Sola. Wir wussten nicht einmal, dass es hier ein Konzentrationslager gab.

Die Deutschen hatten viel bessere Waffen und ihre Verpflegung war ausgezeichnet, nicht wie den Haferschleim, den wir bekamen. Manchmal hatten wir nicht einmal das und hungerten tagelang. Die Deutschen hatten auch warme Kleidung, wir nur noch zerschlissene Lumpen, auch fehlte es uns an brauchbaren Stiefeln und Decken.

Wir haben diesen Krieg mit unseren Körpern gewonnen. Für jeden Deutschen verloren wir sieben unserer Männer. Auch Auschwitz war für uns sehr hart: Die Deutschen hatten Artillerie und Maschinengewehre außerhalb des Lagers positioniert. Sie haben uns von den Wachtürmen und den Baracken aus beschossen. Ungefähr fünf Stunden ging der Kampf hin und her, und wir haben viele Männer verloren. Dann haben sie sich zurückgezogen.

Wie Schatten oder Gespenster

Als wir das Lager betraten, stockte uns der Atem: Überall war Stacheldraht, alle trugen Sträflingskleidung. Die Gefangenen konnten kaum gehen. Sie waren derart abgemagert, das sie aussahen wie Schatten oder Gespenster. Sie versuchten mit uns zu sprechen, aber wir konnten sie nicht verstehen: Die Leute kamen aus den verschiedensten Ländern, darunter viele Juden aus Frankreich, Polen und sogar Palästina. Bei unserer Ankunft waren ca. 7.000 bis 10.000 Menschen im Camp.

Zuerst, als sie uns sahen, konnten sie kaum glauben, dass sie frei waren. Als sie es dann allmählich begriffen, begannen einige zu lachen, andere brachen weinend zusammen. Viele wollten uns abküssen, aber sie sahen so schrecklich aus, dass wir ihnen fern blieben, um uns kein Ungeziefer einzufangen. Viele baten um Essen, aber wir hatten keines. Unsere Nachschubeinheiten kamen erst am nächsten Tag an begannen dann, die Gefangenen zu füttern und zu waschen.

Die Deutschen hatten nicht erwartet, dass alles so schnell gehen würde. Wir führten die Aktion sehr rasch aus. Es bleib ihnen keine Zeit mehr, alles in die Luft zu sprengen oder Minen zu legen.

Die grausigen Baracken-Reihen sahen aus der Ferne aus wie eine Fabrik - und in Wahrheit war es ja auch eine - eine Todesfabrik. Ich habe eine Menge gesehen in diesem Krieg, aber nichts war so schrecklich und Furcht erregend wie dieses Lager. Die Erfahrung gab uns neue Energie, dem Nazi-Horror ein Ende zu machen.

Unsere Männer haben ihr Leben nicht geschont - wir wussten, dass wir für eine gerechte Sache kämpften. Nach ein paar Tagen zogen wir weiter gegen Westen und ich wurde noch einmal schwer verwundet, diesmal auf deutschem Gebiet in einem Ort namens Lonau.

Ich habe später Auschwitz nicht mehr besucht - bis zum Jahr 2000, auf Einladung des polnischen Präsidenten Kwasniewski. Nun bin ich das dritte Mal hier. Ich glaube, dass die Menschheit weder das Leiden der Opfer von Auschwitz jemals vergessen wird, noch jene, die ihr Blut für die Befreiung vergossen haben. Jeder, der Zeuge so eines Alptraums geworden ist, wird alles tun, damit so etwas nie wieder passieren kann. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.1.2004)

Sergeant Jakow Vinnitschenko nahm an der Befreiung des KZ Auschwitz am 27. 1. durch die Rote Armee teil; seine Schilderung basiert auf einem einem Interview von Ruben Sergejw; "The Guardian"
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