"Hier kommt man nur durch den Schornstein raus"

25. Februar 2005, 18:57
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Als 14-Jähriger überlebte Noach Flug das Lager Auschwitz-Birkenau, befreit wurde er 1945 in Ebensee

"Deutschland braucht Ihre Arbeit. Wir bringen Sie jetzt an einen Ort, wo Sie in Ruhe arbeiten können." Auch nach mehr als 60 Jahren erinnert sich Noach Flug, heute Präsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, noch genau an jene Worte des Gettoleiters in Lodz, die seinen Transport nach Auschwitz-Birkenau einleiteten. Wie unzählige andere wurden der 14-jährige Noach und seine Familie Ende August 1944 in einen Viehwagon gepfercht. 24 Stunden später waren sie am Ziel, die Selektion erfolgte sofort. "Die Jungen und Gesunden mussten nach links, sie sollten duschen und dann ihre Häftlingskleidung bekommen", sagt Flug. Dann spricht er von "den anderen" - von den Alten, Kranken und Kindern, die nach rechts treten mussten, wo sie angeblich ein Bad erwartete. Als seine Mutter, seine beiden Großmütter und Großväter nach rechts schwenkten, hat er sie zum letzten Mal gesehen. Sie alle wurden gleich vergast.

"Hier kommt man nur durch den Schornstein wieder raus"

Der 14-Jährige und sein Vater wurden am nächsten Tag von schon länger anwesenden Häftlingen aufgeklärt: "Hier kommt man nur durch den Schornstein wieder raus." Dann begann der Alltag in Auschwitz: aufräumen, Kohle schleppen, wieder aufräumen, wieder Kohle schleppen. Auch die "Verpflegung" hat Flug noch vor Augen: morgens einen entsetzlichen Ersatzkaffee, ein Kilogramm Brot für sechs Männer, am Abend eine dünne Kartoffelsuppe. Rund um ihn wurden die Menschen immer schwächer. "Ich war noch so jung, und ich wollte unbedingt überleben, vielleicht war es Glück", sagt er. Bald schon kannte er lebensrettende Tricks: Nur nicht auffallen! Bei den täglichen Selektionen war es wichtig, in der Mitte zu stehen. Nur nicht die Mütze verlieren! Dafür konnte man erschlagen werden. Nur nicht den Teller verlieren! Auch das konnte tödlich enden. "Die Chancen zu überleben waren sehr klein", sagt er leise. Morgens, mittags, abends und nachts hungrig, rettete sich der Bursche von einem Tag zum anderen und versuchte, weder an seine Mutter noch an seine Großeltern zu denken.

Nach vier Wochen Auschwitz ging es weiter ins Lager Groß-Rosen zur Arbeit im Steinbruch. Als die Russen immer näher kamen, begann sein "Todesmarsch" nach Österreich, wo er zuerst nach Mauthausen kam, dann nach Ebensee, wieder in den Steinbruch. Bei der Befreiung wog er nur noch 32 Kilo. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.1.2004)

Birgit Baumann aus Berlin
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