Greißler werden zu Garagen

13. Juli 2005, 11:38
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Immer mehr Erdgeschosslokale werden zu Garagen. Was das für das Stadtbild bedeutet, ist keine Diskussion

Charity ist ein Universalargument. Das weiß auch Bernhard Denkinger. Dass Charity aber auch Garagenbauten rechtfertigt, verblüfft den Architekten doch: In ein Haus in der Lammgasse in der Josephstadt soll eine Garage kommen: "Das fünf Meter breite Tor, hinter dem gerade zwei Autos Platz fänden, würde die interessante Fassade des neun Meter breiten Hauses völlig zerstören", klagt der in der Nachbarschaft lebende Architekt.

Wohltätige Garage

Da das Haus einer karitativen Stiftung gehört, argumentiere letztere, dass der Erlös der Garagenplätze wohltätigen Zwecken diene. Aber das, betont Denkinger, sei eigentlich nur ein Nebenaspekt: Immer öfter "verwandeln" sich innerstädtische Erdgeschosszonen in Garagen – nicht nur in der Lammgasse.

Geld oder Stellplatz

Das "Wieso?" ist leicht erklärt: Parkplätze sind im innerstädtischen Bereich so rar wie gut verkäuflich. Gleichzeitig sind Geschäftslokale in Nebengassen nur schwer gewinnbringend zu vermieten.

Darüber hinaus verlangt die Wiener Bauordnung, dass zu jeder neuen Wohnung ein Stellplatz errichtet wird – oder aber vom Errichter ein Abschlag von rund 18.000 Euro zu entrichten ist. Dass dann dort, wo (noch) leer stehende Dachböden zu Wohnungen werden, der begehrliche Blick des Hausherrn auf das leere Geschäftslokal im Erdgeschoss fällt, ist logisch.

Zuständigkeitsslalom

Eine Diskussion darüber, was dieser in innerstädtischen Regionen um sich greifende Garagenwildwuchs für das Stadtbild und den öffentlichen Raum bedeutet, findet nicht statt. Im für Stadtplanung und Stadtbildfragen zuständigen Ressort von Planungsstadtrat Rudolf Schicker, (SP) will man die heiß werdende Kartoffel gerne weiterreichen: Zuständig sei Werner Faymanns (Wohnbaustadtrat, ebenfalls SP, Anm.)Baupolizei. Die habe alle Baugenehmigungen zu erteilen.

Seitens der – bei Schicker ressortierenden – Verkehrsabteilung würden aber ohnehin nur Ein- und Ausfahrten genehmigt, "wenn in der Garage mehr Stellplätze geschaffen werden, als draußen durch die Einfahrt verloren gehen. Das Verhältnis 1:1 ist zu wenig."

"Kein Patentrezept"

In der Baubehörde sieht man das Thema nicht ausschließlich aus der Perspektive der für die Parkplatzversorgung zuständigen Behörde: "Wir sind uns des Problems bewusst, haben aber kein Patentrezept", heißt es in Werner Faymanns Büro.

Manchen klingt das zu defensiv: "Die Praxis zeigt, dass fast alles genehmigt wird", erklärt Grünen-Planungsexpertin Sabine Gretner, "dass da ein Problem für die Stadtstruktur entsteht, hat die Stadtplanung völlig verschlafen."

Verödung

Es gäbe Möglichkeiten – etwa Widmungsverweigerungen und Argumente der Stadtbildpflege – regulierend einzugreifen, meint Gretner. Freilich müssten die Direktiven aus der Politik kommen. "Jedes Garagentor trägt zur Verödung der Gassen bei – und generiert die nächste Garage."

Fünf oder sechs

Dass das stimmt, hat auch der Architekt Denkinger schon erfahren: Im Zuge des – laufenden – Verfahrens wurde ihm erklärt, dass es in der kurzen Lammgasse doch schon fünf (bis zu sechs Meter breite) Einfahrten gäbe. Da käme es auf eine mehr wohl nicht an. (Thomas Rottenberg, DER STANDARD Printausgabe, 26.01.2005)

  • Nicht gerade ein Gewinn für das Stadtbild: Wie hier in der Lammgasse verwandeln sich immer mehr Erdgeschosszonen in Nebengassen in trostlose, aber jedenfalls lukrative Garagengassen.
    foto: matthias cremer

    Nicht gerade ein Gewinn für das Stadtbild: Wie hier in der Lammgasse verwandeln sich immer mehr Erdgeschosszonen in Nebengassen in trostlose, aber jedenfalls lukrative Garagengassen.

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